Interview mit Kinder-Knigge-Coach: „So wie wir leben, so benehmen sich auch die Kinder“

Interview mit Kinder-Knigge-Coach: „So wie wir leben, so benehmen sich auch die Kinder“

Mit den Händen essen, rumpanschen, in der Nase bohren – Kindern ordentliches Benehmen beizubringen ist eine echte Herausforderung. Aber was ist eigentlich „gutes Benehmen“ und wie funktioniert das bei Kindern? SCHWABEN-MOM hat mit Knigge-Coach Gudrun Weichselgartner-Nopper aus Backnang gesprochen. Sie bietet regelmäßig Knigge-Kurse für Kinder, Jugendliche und Berufsanfänger in ganz Deutschland an.

SCHWABEN-MOM: Ich habe zwei Jungs, die auch gerne mit den Händen essen und Lebensmittel in ihren Getränken verarbeiten. Ist das Experimentierfreude oder schlechtes Benehmen?

Weichselgartner-Nopper: Wenn Kinder im Restaurant anfangen, Mamas Wein in die Cola zu schütten, wird es vielleicht problematisch, denn meistens hinterlässt das ja auch Spuren auf der Tischdecke. Aber wenn Ihre Kinder das zu Hause beim Warten auf das Essen machen, dann würde ich nicht sagen, dass Ihre Kinder kein Benehmen haben, sondern dass sie besonders wissensdurstig und experimentierfreudig sind.

SCHWABEN-MOM: Wie kamen Sie darauf, einen Knigge-Kurs für Kinder anzubieten?

Weichselgartner-Nopper: Als mein Mann 2002 zum ersten Mal zum Oberbürgermeister von Backnang gewählt wurde, habe ich verschiedene Knigge-Seminare belegt, um – vor allem auch im Ausland – parkettsicher zu sein. Ich war sofort von diesem Thema fasziniert. Beruflich und ehrenamtlich hatte ich bereits viel Erfahrung gesammelt. Beruflich durch die Gründung meiner Sprachschule Early English 1998 und ehrenamtlich durch den Verein für Kinder in Backnang und der Backnanger KinderuniPlus. Da kam mir der Gedanke, Knigge-Seminare auch für Kinder anzubieten. Ich habe eine Ausbildung zum Knigge-Trainer absolviert, ein spezielles Konzept für Kids- und Teens entwickelt und die Firma Knigge für Kids angemeldet. Die Auftragslage hat sich so positiv entwickelt, dass ich mittlerweile geeignete Kandidaten zum Knigge für Kids- und Teens-Trainer ausbilde. Eine Voraussetzung dafür ist nicht nur das Erlernen der Seminarinhalte, sondern die Fähigkeit, dieses Fachwissen auf spannende Art und Weise ohne erhobenen Zeigefinger an Kinder und Jugendliche zu vermitteln.

SCHWABEN-MOM: Wozu brauchen Kinder eigentlich Benimm-Regeln?

Weichselgartner-Nopper: Ich versuche meinen Seminar-Teilnehmern zu vermitteln, dass gutes Benehmen kein nerviges Anliegen der Eltern ist, sondern dass sie sich mit guten Umgangsformen ihr eigenes Leben erleichtern können und bei ihren Mitmenschen beliebter sind. Mir geht es nicht nur darum, wie man die Gabel richtig hält, sondern vor allem auch um den respektvollen Umgang miteinander. Bei meinen Seminaren halte ich den Kindern gerne den Spiegel vor. Ich frage sie: Stell dir mal vor, du hast Geburtstag und kannst einige Freunde zu deiner Geburtstagsparty einladen. Welche Kinder lädst du dann am liebsten zu dir nach Hause ein? Was sind das für Kinder? Natürlich lautet die Antwort der Kinder: Nur nette Kinder, die bei den Spielen nicht zicken, die mir ein Geburtstagsgeschenk mitbringen, die beim Spielen auf meine Spielsachen aufpassen. Und dann frage ich, welche Kinder sie nicht einladen würden. Das sind dann natürlich die Kinder, die Spielverderber sind, die zu spät kommen, die im Spielzimmer Dreck machen und mit dem Essen rumpanschen. Also genau diejenigen Kinder, welche keine guten Umgangsformen haben.

SCHWABEN-MOM: Sollten Kinder gutes Benehmen nicht zu Hause erlernen?

Weichselgartner-Nopper: Die Gesellschaft hat sich ja gewandelt. Früher sind wir doch in der Regel nach der Schule zum Essen nach Hause gekommen und unsere Mutter hat darauf geachtet, dass wir ordentlich am Tisch sitzen und relativ manierlich essen. Heute werden viele Kinder schon ab dem dritten Lebensmonat in der Kita oder Krippe fremdbetreut. Dadurch haben die Eltern nicht mehr diesen großen Einfluss. Und man kann von einer Erzieherin natürlich nicht erwarten, dass sie bei jedem Kind schaut, ob eine Serviette auf dem Schoß liegt. Das kann eine Erzieherin unmöglich leisten. In großen Einrichtungen ist man zum Teil froh, wenn die Teller nicht durch die Luft fliegen.

SCHWABEN-MOM: Benehmen sich die Kinder heute anders, als wir Kinder damals? Hat sich das Benehmen verändert?

Weichselgartner-Nopper: Kinder benehmen sich so, wie man es vorlebt. Sie kopieren die Menschen, die sie lieben und bewundern – das war schon immer so. Wir haben versucht, unsere eigenen Kinder zu selbständig denkenden Menschen zu erziehen, die Anweisungen nicht nur ausführen, sondern auch kritisch hinterfragen. Ein Nachteil an dieser Erziehungsmethode ist vielleicht, dass die Kinder nicht mehr so ausgeprägten Respekt vor öffentlichen Personen, vor Lehrern oder Ärzten haben wie früher. Sie sehen sich mit Erwachsenen eher auf einer Ebene.

SCHWABEN-MOM: Was ist für Sie ein gutes Benehmen bei einem Kind?

Weichselgartner-Nopper: Der respektvolle Umgang miteinander. Dass man beim Eintreten grüßt, sich beim Händeschütteln in die Augen schaut. Zuhört, wenn jemand spricht und sich entschuldigt, wenn man Fehler gemacht hat. Dass man nicht in der Nase bohrt oder rumpupst, das sind für mich die Basics. Und, dass man fremde Erwachsene nicht einfach duzt.

SCHWABEN-MOM: Ist es schwieriger Jungen Benehmen beizubringen als Mädchen?

Weichselgartner-Nopper: So wie wir leben, so benehmen sich auch die Kinder. Eigenes Fehlverhalten können wir oft schon am nächsten Tag bei unseren Nachwuchs beobachten. Da gibt es aus meiner Sicht geschlechtsspezifisch keine Unterschiede. Es gibt auf beiden Seiten Musterexemplare und die negativen Beispiele.

SCHWABEN-MOM: Dürfen Kinder trotzdem spontan, wild und unangepasst sein?

Weichselgartner-Nopper: Ja klar! Zu Hause darf man auch mal wild sein, aber vielleicht nicht gerade im Hotel. Deshalb finde ich Sport für Kinder auch so wichtig. Da können sich die Kinder richtig austoben und sich abreagieren.

SCHWABEN-MOM: Was lernen die Kinder in Ihrem Kurs?

Weichselgartner-Nopper: Das hängt vom Alter der Kinder ab. Bei den Kids-Seminaren behandeln wir die folgenden Themen: Grüßen und Begrüßen, sich vorstellen, Pünktlichkeit, Rücksichtnahme, Taktgefühl, vermeintliche Selbstverständlichkeiten wie richtig Husten, Gähnen und Niesen. Wir decken gemeinsam den Tisch und brechen die Servietten. Das machen die Kinder sehr gerne. Dann gibt es ein Drei-Gänge-Menü. Da korrigiere ich die Kinder beim Essen auf eine ganz sanfte Art. Am Ende gibt es noch ein Quiz, um zu sehen, ob die Kinder alle Seminar-Inhalte richtig verstanden haben. Dann gibt es eine Knigge-Königin oder einen Knigge-König und ein Diplom. Bei den Seminaren für Teens und Berufseinsteiger werden die Teilnehmer in lockerer Runde auf das gesellschaftliche und berufliche Leben vorbereitet.

SCHWABEN-MOM: Kommen die Kinder gerne in Ihren Kurs?

Weichselgartner-Nopper: Viele Kinder wissen gar nicht, was sie beim Knigge-Seminar erwartet und sind deshalb skeptisch. Sie stellen sich vielleicht vor, dass eine Frau Typ Fräulein Rottenmaier einen langweiligen und strengen Unterricht macht. Aber wenn auch diese Kinder nach dem Seminar ihre Eltern fragen, ob und wann sie wieder zu meinem Knigge-Seminar kommen dürfen, dann bin ich zufrieden.

SCHWABEN-MOM: Welche Benimm-Tipps haben Sie für die Mütter? Gibt es so etwas wie eine „goldene Regel“?

Weichselgartner-Nopper: Gute Umgangsformen richtig vorleben! Auch wenn es schwer fällt und oft mühevoll und unangenehm, konsequent zu bleiben. Es ist natürlich einfacher, nichts zu sagen. Aber es ist im Sinne des Kindes und zu seinem eigenen Vorteil. Man sollte dem Kind vermitteln, dass man ihm nur helfen will.

SCHWABEN-MOM: Sie haben zwei „wilde“ Jungs, wie sie sagen. Können die sich benehmen?

Weichselgartner-Nopper: Wir waren vor kurzem mit unseren Kindern in einem schönen Restaurant. Dort haben mich meine Kinder entzückt. Ich war richtig stolz, denn es hat sehr gut geklappt. Aber das ist natürlich nicht der Alltag. Aber wenn es darauf ankommt, können sie sich benehmen. Und das ist wichtig.

SCHWABEN-MOM: Erzählen Sie uns von dem lustigsten Benimm-Ereignis Ihres Kurses!

Weichselgartner-Nopper: Ich eröffne mein Seminar immer mit der Frage: Weiß denn jemand, wer oder was Knigge ist? Und dann hat ein siebenjähriger Junge geantwortet: „Knigge-Seminar heißt Knigge-Seminar, weil man danach nicht mehr so geknickt durch die Welt laufen muss, weil man dann alles richtig macht.“ Das fand ich sehr schön. Und er hatte ja auch Recht.

Gudrun Nopper

Gudrun Weichselgartner-Nopper aus Backnang ist zertifizierte Knigge-Trainerin und gibt Knigge Kurse für Kinder. Sie ist Mutter von zwei Jungen und vermittelt seit über zehn Jahren Wissen an Kinder und Jugendliche. Unter anderem als frühere Leiterin der Privatschule Early English in Stuttgart und Initiatorin und Leiterin der Kinderuniversität in Backnang.

Weitere Infos:

www.knigge-fuer-kids.de/kids


Fotos:
Titelfoto: © Eugen Römer
Porträt Gudrun Weichselgartner-Nopper: ©
Mossadegh Hamid