Jennifer Hattaß, Working Moms-Vorsitzende Stuttgart: „Teilzeitmodelle bedeuten häufig das Karriere-Aus“

Jennifer Hattaß, Working Moms-Vorsitzende Stuttgart: „Teilzeitmodelle bedeuten häufig das Karriere-Aus“

Schadet es meinem Kind, wenn ich zu viel arbeite? Was denkt die Erzieherin, wenn ich mein Kind jeden Tag als letzte Mutter abhole? Diese Gedanken machen sich viele Frauen, die nach der Geburt ihrer Kinder weiter an ihrer Karriere feilen, die ihren Job (fast) genauso lieben wie ihre Kinder, und die sich beides für ein glückliches und erfülltes Leben wünschen: Kinder und Karriere. Einige von ihnen vernetzen sich in dem bundesweiten Verein Working Moms e.V. – auch in Stuttgart. Rund 20 sehr gut ausgebildete Mütter tauschen sich regelmäßig aus, organisieren Vorträge und Projekte. Dabei geht es immer um die zentralen Fragen: Wie können Mütter Kind und Beruf miteinander vereinbaren? Wie können sie sich noch besser organisieren? Welche Erfahrungen machen andere Mütter?

SCHWABEN-MOM hat mit Dr. Jennifer Hattaß, Vorsitzende von Working Moms e.V. Stuttgart, über Netzwerken, Kinderbetreuung und Rabenmütter gesprochen.

SCHWABEN-MOM: Zwei von drei Müttern sind heute berufstätig, es ist sozusagen (fast) die Normalität, dass Mütter arbeiten. Wozu brauchen Frauen ein Netzwerk wie Working Moms?

Hattaß: Sie haben Recht, arbeitende Mütter sind heute zum Glück keine Ausnahme mehr, sondern eher die Regel. Doch wenn man genauer hinsieht, gibt es auch hier Unterschiede. Die meisten Mütter arbeiten nach der Geburt der Kinder deutlich weniger als zuvor. Doch Teilzeitmodelle bedeuten in Deutschland leider häufig noch immer das Karriere-Aus. Die Working Moms sind ein Netzwerk engagiert berufstätiger Mütter, die beides wollen: Kinder und Karriere. Bei den Working Moms findet man gleichgesinnte Wegbegleiterinnen, die sich gegenseitig den Rücken stärken.

SCHWABEN-MOM: Wer darf in Ihr Netzwerk? Was sind die Kriterien?

Hattaß: Das wichtigste Kriterium ist sicher die Arbeitszeit. Die meisten Mitglieder der Working Moms arbeiten Vollzeit oder mit ähnlichem zeitlichen Engagement. Hier stellen sich einfach noch einmal ganz andere Herausforderungen, die man in Teilzeit so nicht zu bewältigen hat.

SCHWABEN-MOM: Wofür setzt sich Working Moms ein, und welche Ziele verfolgt das Netzwerk?

Hattaß: Die Working Moms sind natürlich zum einen für ihre Mitglieder da. Bei unseren monatlichen Treffen kann man sich über alle Themen, die uns Working Moms so umtreiben, austauschen. Da geht es natürlich immer wieder um Klassiker, wie etwa die Kinderbetreuung. Wir sind jedoch nicht nur ein privates Netzwerk, sondern wollen auch gezielt berufliches Networking fördern. Häufig können unsere Mitglieder deshalb auch für ihre Arbeit wertvolle Kontakte knüpfen. Und das deutschlandweit mit fast 300 Mitgliedern an sechs verschiedenen Standorten.

Darüber hinaus möchten wir andere Frauen ermutigen, sich mehr zuzutrauen und auch mit Kindern weiter die eigenen Karriereziele zu verfolgen. Natürlich behauptet keiner, dass das leicht ist. Aber genau das wollen wir ja vermitteln: Selbst wenn manchmal alles chaotisch ist, man zehn Dinge auf einmal zu erledigen hat und eigentlich nur noch schlafen möchte: Es kann funktionieren. Und das sogar mit zwei, drei oder vier Kindern. Also: Traut Euch!

SCHWABEN-MOM: Gilt in Deutschland mittlerweile immer noch das Klischee der Rabenmutter, wenn Mütter viel arbeiten?

Hattaß: Ja, ich fürchte schon. Schon alleine die Tatsache, dass Sie mir diese Frage stellen zeigt ja, dass die „Rabenmutter“ noch immer Thema in Deutschland ist. Für meine Freundinnen in Frankreich etwa ist es das natürlichste der Welt, nach der Geburt schnell wieder voll in den Beruf zurückzukehren. Das Wort Rabenmutter gibt es dort nicht einmal. Und trotzdem sind große Familien mit vielen Kindern in Frankreich viel häufiger zu finden.

In Deutschland ist das noch immer anders. Irgendwie scheinen Mütter suspekt zu sein, die nicht mit dem Tag der Geburt ihre Arbeit hinten anstellen und nur noch für das Kind da sind. Und je mehr man natürlich arbeitet, umso komischer wird man angesehen. Stattdessen gibt es diese eigens für Mütter geschaffene Parallelwelt mit Babymassagekursen und anderen Beschäftigungstherapien, die die Mamas vor Langeweile schützen sollen. Damit konnte ich nie etwas anfangen. Ich habe nach der Geburt meines Sohnes bei einem solchen Kurs mitgemacht und fand es erschreckend, dass es außer den Babies kein anderes Thema mehr gab. In dieser Runde fühlte ich mich als einzige, die nach sechs Monaten zurück in den Beruf ging, schnell unwohl. Denn es fehlte mir der Austausch mit Gleichgesinnten. Das war für mich der Auslöser, die Working Moms in Stuttgart ins Leben zu rufen.

SCHWABEN-MOM: Was erwartet mich, wenn ich in das Netzwerk eintrete?

Hattaß: Zunächst einmal eine Gruppe netter, offener und engagierter Mütter, die Erfahrungen und Tipps austauschen, gemeinsam lachen, aber auch leidenschaftlich diskutieren. Wir treffen uns einmal im Monat. In der Regel startet der Abend mit dem Vortrag eines externen Referenten oder einer internen Referentin. Dabei stehen die Themen Karriere und Familie im Vordergrund.

Echte Highlights in diesem Jahr waren für mich die Vorträge von Dr. Anna-Maria Karl (Leiterin Akademische Bildung & Wissenskooperationen der Daimler AG) und Gisela Erler (Staatsrätin der baden-württembergischen Landesregierung). Frau Dr. Karl berichtete von „Genius“, der Bildungsinitiative von Daimler. Mit Frau Erler diskutierten wir über ihr Buch „Schluss mit der Umerziehung! Vom artgerechten Umgang mit den Geschlechtern, wie Frauen in Unternehmen endlich aufsteigen und Jungen in der Schule nicht weiter abstürzen“.

Daneben planen wir aber auch regelmäßig lockere Clubabende ohne Vorträge ein, um genug Zeit für Gespräche mit anderen Mitgliedern zu haben. Im Sommer haben sich da unsere Abende im Biergarten als sehr beliebt erwiesen.

Und dann gibt es natürlich noch den Austausch mit den Mitgliedern der anderen Vereine. Im Januar etwa fand in München der überregionale Working Moms Kongress statt. Hier hatte man Gelegenheit, in Vorträgen und Workshops mit den Mitgliedern aus anderen Clubs ins Gespräch zu kommen.

SCHWABEN-MOM: Was ist aus Ihren Erfahrungen das Wichtigste, Kind & Karriere unter einen Hut zu bringen?

Hattaß: Da gibt es sicher mehrere Punkte. Zum einen ist es wichtig, dass man einen Partner hat, der die Entscheidung für Kinder und Karriere – und damit meine ich nicht seine eigene – mitträgt. Die Partner müssen als Team funktionieren. Noch wichtiger scheint mir jedoch der Spaß am eigenen Beruf. Wer für seine Arbeit brennt, nimmt den Organisationsaufwand, die Mehrkosten für die Kinderbetreuung und alle anderen Hindernisse gerne auf sich.

SCHWABEN-MOM: Wie schätzen Sie persönlich die Betreuungssituation in Stuttgart ein?

Hattaß: Ich kann aus eigener Erfahrung bisher nur etwas zum Kita- und Kindergartenangebot sagen. Die insbesondere zeitliche Flexibilität, die ich für meine Arbeit benötige, konnte ich nur in einer privaten Kita finden. Diese sind natürlich auch deutlich teurer. Obwohl man also mehr arbeitet, bleibt wegen der hohen Betreuungskosten nicht unbedingt mehr vom Gehalt übrig. Noch schwieriger fand ich es, einen geeigneten Kindergartenplatz für meinen Sohn zu finden. Viele Einrichtungen schließen um 14 Uhr. Das ist für mich illusorisch. Bei allen anderen Kindergärten sind die Wartelisten ellenlang. In diesem Jahr sind wir bei fünf städtischen Kindergärten für einen Ganztagesplatz abgelehnt worden. Ideal ist das das sicher alles nicht.

SCHWABEN-MOM: Warum tun sich Unternehmen immer noch schwer, gut ausgebildete Mütter in Führungspositionen in Teilzeit oder mit flexibleren Arbeitsbedingungen einzustellen? Viele erfolgreiche Frauen müssen häufig eine Etage tiefer in den Job zurückkehren oder Gehaltseinschnitte akzeptieren.

Hattaß: Aus meiner Sicht ist das kein frauen- oder gar mütterspezifisches Problem. Ein Mann würde auf dieselben Widerstände stoßen, wenn er in Teilzeit Karriere machen wollte. Das Ganze wird nur deshalb als typisches Frauenthema wahrgenommen, weil es in Deutschland eben meist die Frau ist, die zugunsten der Familie in Teilzeit arbeitet. Die Frage sollte also eher lauten: Was muss unternommen werden, um allen Eltern die gleichen Aufstiegschancen zu bieten? Und da ist die Politik sicher noch mehr gefragt als die Unternehmen. Eine gute, an den Bedürfnissen berufstätiger Eltern orientierte, Kinderbetreuung, wäre schon mal ein Anfang. Und damit meine ich nicht, dass ein Elternteil von 8 bis 12 Uhr arbeitet, um die Kinder pünktlich um 14 Uhr aus der Betreuung abzuholen.

Foto Jennifer Hattaß

Dr. Jennifer Hattaß, 39, geboren in Frankfurt am Main, lebt mit ihrem dreijährigen Sohn, ihrer drei Monate alten Tochter und ihrem Mann in Stuttgart-Nord. Sie arbeitet als Rechtsanwältin in der Anwaltskanzlei Gleiss Lutz in Stuttgart. Seit 2013 ist sie Vorsitzende des Netzwerks Working Moms Stuttgart.
Weitere Infos:

 Foto (Mutter & Kind): © Jochen Mittenzwey / fotolia.com