Katrin Holzinger, Gesundheitsökonomin & AOK-Referatsleiterin: „Den Begriff Perfektion habe ich für mich neu definiert“

Katrin Holzinger, Gesundheitsökonomin & AOK-Referatsleiterin: „Den Begriff Perfektion habe ich für mich neu definiert“

Katrin Holzinger, 35 Jahre, ist eine toughe und zielstrebige Karrierefrau. Die studierte Gesundheitsökonomin stieg schon mit dreißig Jahren in das obere Management bei der AOK Baden-Württemberg auf. Seit 2013 leitet sie das Referat „lebensstilorientierte Gesundheitsförderung“ bei der AOK-Hauptverwaltung in Stuttgart und ist für neun Mitarbeiter verantwortlich. 2012 kam ihre kleine Tochter auf die Welt, die glücklicherweise genauso gerne „zur Arbeit“ geht wie ihre Mama. Somit konnte Katrin ihre Karriere unmittelbar fortsetzen – auch wenn sich in der Organisation und Lebensplanung dadurch einiges geändert hat. Katrin lebt mit ihrem Mann und ihrer Tochter in Stuttgart-Mitte. Im SCHWABEN-MOM-Interview spricht sie Klartext und erzählt, wie sie an ihrer Karriere arbeitet und was sie dafür in ihrem Leben verändern musste.

SCHWABEN-MOM: Katrin, Du leitest bei der AOK Baden-Württemberg den Bereich „Lebensstilorientierte Gesundheitsförderung“. Was machst Du genau? Mit welchen Themen beschäftigst Du Dich?

Katrin: Hinter der lebensstilorientierten Gesundheitsförderung verstecken sich eine Vielzahl von Themen der Primärprävention aus den Bereichen Ernährung, Bewegung, Entspannung und psychischer Gesundheit sowie der Suchtprävention. Wir stellen für unsere Kunden ein AOK-eigenes Gesundheitsprogramm dazu auf, entwickeln Präventionsprogramme, arbeiten eng mit unseren Partnern wie den Sportverbänden und Sportvereinen sämtlicher Sportarten, der Kinderturnstiftung, der Meistervereinigung der Gastronomen, der Politik, den Hochschulen und weiteren Partnern zusammen. Gemeinsam füllen wir die Themen mit Leben und wollen Kinder, Jugendliche und Erwachsene für einen gesunden Lebensstil in ihren jeweiligen Lebenswelten und Lebensphasen begeistern.

SCHWABEN-MOM: Du bist 35 Jahre, bist bereits seit fünf Jahren Referatsleiterin, führst ein Referat mit neun Mitarbeitern und hast vor zwei Jahren eine Tochter bekommen. Hat sich dadurch Deine Arbeit verändert? Wie organisierst Du Arbeit und Familienleben?

Katrin: Meine Arbeit hat sich allein deshalb verändert, weil ich die Elternzeit und die berufliche Auszeit dafür genutzt habe, mein damaliges – auch liebgewonnenes – Referat im Versorgungsmanagement zu verlassen. Ich habe die Chance für ein neues Themengebiet und so für meine persönliche Weiterentwicklung genutzt. Mein Arbeitgeber hat mir diese Chance geboten. So konnte ich nach der Elternzeit in der gleichen, auch hart erarbeiteten Hierarchieebene, aber mit neuen Arbeitsschwerpunkten weiter machen. Glücklicherweise konnte ich dafür meine Coaching-Fortbildung, die ich während meiner Elternzeit aus Interesse durchgeführt habe, optimal einsetzen. Ein Jahr still sitzen wäre mir sonst schwer gefallen. Psychische Gesundheit ist schließlich ein Thema für Management, Mitarbeiterführung, Kundenorientierung und natürlich für mich selbst.

Das psychologische Wissen und meine langjährige Erfahrung helfen mir in meiner Organisation und der Balance zwischen Arbeit, Familienleben und meinen persönlichen Interessen. Inzwischen habe ich auch kapiert, dass ich um eine detaillierte Jahresplanung für all das nicht herumkomme. Unsere Eltern unterstützen uns dabei sehr liebevoll. Das erleichtert vieles. Früher war es für mich unvorstellbar, im Januar schon den Urlaub für Juni oder schon für Weihnachten zu buchen. Da sträuben sich mir manchmal immer noch die Nackenhaare, vor allem wenn es in der Hochsaison auf den Bauernhof gehen soll. (lacht)

SCHWABEN-MOM: Hat sich als Mutter Deine Haltung zu Arbeit und Karriere verändert? Führst und arbeitest Du als Mutter anders als vorher?

Katrin: Mit Beginn des Mutterschutzes war ich, wie so viele werdende Mütter, sehr vorsichtig, weil ich einfach nicht wusste, was kommt und wie alles so werden wird. Im Freundeskreis hatte ich unterschiedliche Erlebnisse. Manche hoch qualifizierten Freundinnen sind völlig zum Muttertier geworden. Es war teilweise unmöglich noch andere Gespräche zu führen. Als meine Tochter dann in unser Leben kam, merkte ich schnell, dass sich meine Haltung zur Arbeit und zur Karriere deshalb nicht verändert. Ich arbeite einfach zu gern und vor allem anspruchsvoll. Mein Ziel war es immer nach der Elternzeit wieder ambitioniert weiterzuarbeiten. Nur „irgendwas“ hätte mir nicht gereicht, um ein paar Stunden arbeiten zu können. Deshalb wollte ich zuvor so viel wie möglich im Berufsweg erreichen und erleben, um mir den Wiedereinstieg zu erleichtern.

Ich führe und arbeite jetzt in der Hinsicht anders, weil ich in kürzerer Zeit mindestens genauso viel leisten muss. Das bedeutet auf der einen Seite noch mehr Disziplin, Priorisierung und Konsequenz im Alltag. Auf der anderen Seite muss ich auch akzeptieren, einfach mal den Stift fallen zu lassen, wenn ich Richtung Kita losrasen muss. Da wird die B27 oft zur Rennstrecke.

SCHWABEN-MOM: Hast Du das Gefühl, Dich als Mutter manchmal noch mal mehr behaupten zu müssen? Wie reagieren die Kollegen?

Katrin: Nein, dieses Gefühl hatte ich nie. Ich weiß was ich bisher geleistet habe, was ich jetzt alles unter einen Hut bringen will und was ich kann. In meinem Team gibt es eine sehr angenehme Atmosphäre. Einige sind in ähnlichen Lebenssituationen, nicht nur Frauen. Ich denke, jeder sollte seinen Standpunkt kennen und diesen auch vertreten. Das heißt, entweder kann ich eine Besprechung oder Dienstreise außerhalb der Kita-Zeiten wahrnehmen oder nicht. Es ist auch hier das alte Thema: „Man kann nicht auf allen Hochzeiten tanzen“ und vermeintliche „Perfektion“ ist dabei nicht angebracht.

SCHWABEN-MOM: Für viele Frauen bedeutet die Mutterschaft häufig Teilzeitarbeit und damit auch leider oft das Ende der Karriere. Was glaubst Du, warum das in vielen Unternehmen leider Realität ist?

Katrin: In vielen Unternehmen gibt es dafür leider immer noch keine Rahmenbedingungen und schon gar keine Kultur. Wie oft werden Frauen immer noch in punkto Karriere abgestempelt, wenn sie schwanger werden oder Männer zu „Weicheiern“ degradiert, wenn sie die Elternzeit übernehmen oder sich aktiv an der Familienorganisation beteiligen? Diese Stigmatisierungen höre ich leider immer noch in Gesprächen.

Auf der anderen Seite liegt es allerdings oft an den Frauen selbst. Sie unterstützen mit ihrem eigenen Denken diese Kultur und lassen sich in eine Schublade stecken. Ich kenne tolle Beispiele, bei denen selbstbewusste und willensstarke Eltern, trotz schwieriger Situationen, die Vereinbarkeit von „Beruf und Familie“ erreicht haben. Das wird mittel- bis langfristig auch zu einem Umdenken in den Unternehmen führen.

Ich erinnere mich an Zeiten, da saß ich als einzige Frau in so manchen Führungsrunden. Doch die AOK Baden-Württemberg hat die Notwendigkeit einer Veränderung erkannt und ist die Kulturveränderung bereits vor Jahren intensiv angegangen. Schließlich ist sie mit 9.500 Mitarbeitern und einem Frauenanteil von 74 Prozent ein starker Wirtschaftsfaktor. Ich bin stolz bei diesem Entwicklungsprozess von Anfang an aktiv dabei gewesen zu sein. Es hat sehr viel Spaß gemacht, die Reaktionen und Veränderungen zu erfahren. Dies war und ist nur möglich, weil unser Vorstand über eine offene Managementkultur die Themenkomplexe „Frauen in Führung“ und die „Vereinbarkeit von Beruf und Familie“ im Unternehmen als familienbewusster Arbeitgeber selbst lebt und einfordert. Seither wurden sehr viele Initiativen und Programme entwickelt. Aktuell werde ich als Mentorin speziell qualifiziert, um andere Frauen in ihrer Entwicklung und auf dem Weg nach oben zu unterstützen.

SCHWABEN-MOM: Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen (sieben Kinder!) hat mal gesagt, dass man als Mutter so viele wertvolle Kompetenzen dazu gewinnt, die man für den Job perfekt nutzen kann. Was hast Du als Mutter dazu gelernt?

Katrin: Auf der einen Seite noch mehr Disziplin, Prioritätensetzung und Konsequenz im Alltag, auf der anderen Seite „auch mal gut sein lassen können“. Das bedeutet für mich eine sinnvolle und vorausschauende Planung. Was ist in welchem Umfang notwendig? Wer nimmt wann welche Termine wahr? Das sind Fragen, die ich mir im Beruf und im Privatleben stelle und angehe. Mein Kollege nennt mich gerne „Strukturmaschine“. Wir sind uns im Team unserer Stärken bewusst und unterstützen uns damit gegenseitig. Zum Denkprozess gehört für mich erst recht die „Perfektion“. Diesen Begriff habe ich für mich – aufgrund des Spagats zwischen Beruf, Familie und persönlichen Interessen – neu definiert. Die ständigen Forderungen nach Perfektion arten nur allzu oft in Stress aus. Das blockiert uns und frisst wertvolle Zeit.

SCHWABEN-MOM: Was muss in unserer Gesellschaft passieren, dass es Mütter künftig noch leichter haben, ihre Karriere nach der Geburt der Kinder fortzusetzen?

Katrin: Das größte Problem ist aus meiner Sicht eine gesicherte Kinderbetreuung, damit Eltern und Unternehmen eine Planungssicherheit haben. Gerade hier in Stuttgart erleben wir das. Eltern haben keine Sicherheit, ob sie zum geplanten beruflichen Wiedereinstieg einen Platz in einer Kita bekommen. Das ist nicht nur für die Eltern, sondern auch für die Arbeitgeber in ihrer Vertretungsplanung eine Belastung. Freunde von uns sind derzeit genau in dieser Situation. Sie ist Ärztin und würde gerne weiterarbeiten, hat aber keinen Kita-Platz für ihr drittes Kind. Offensichtlich kann unsere Gesellschaft es sich leisten, auf hochqualifizierte Frauen zu verzichten.

Gesamtgesellschaftlich müsste sich das klischeehafte Denken ändern.
Männer, die sich trauen sich die Elternzeit mit ihrer Frau zu teilen oder ganz übernehmen, sollten mehr Unterstützung erfahren. In Kombination mit einer gesicherten Kinderbetreuung würden bestimmt mehr Frauen Führungspositionen anstreben.

SCHWABEN-MOM: Was heißt für Dich persönlich lebensstilorientierte Gesundheit als Mutter und Expertin? Wie achtest Du auf Dich? Wie entspannst Du neben Job und Kind?

Katrin: Zugegeben schwankt mein aktiver Sportlevel in den letzten Jahren. Während des Mutterschutzes hatte ich meine Gesundheit etwas aus den Augen verloren. Neulich war ich endlich für Check-ups und Trainingsplan im Fitnessstudio. Die Vereinbarkeit von Beruf, Familie und persönlichen Interessen ist eine große Herausforderung. Schwarz und weiß gibt es für mich dabei nicht. Die Welt ist bunt, wieso sollten wir uns dann nur auf zwei Farben beschränken. Das heißt, ich versuche mein Denken und Handeln auf gesunde Art und Weise zu reflektieren. Mein Mann spielt dabei ebenfalls eine wichtige Rolle. (Anmerkung der Redaktion: Katrins Mann ist Dr. Daniel Holzinger, Sportwissenschaftler, der in Stuttgart als Coach und Personal Trainer arbeitet – www.dr-holzinger.com.) Auch hier zählt Teamwork. Die ersten Jahre mit Kind waren definitiv Lehrjahre mit Höhen und Tiefen. Wichtig war es, Probleme und Ansatzpunkte zu erkennen und zu verbessern. Beruf und Familie wurden und werden so immer mehr zum Einklang.

Meine persönlichen Interessen wie Sport kann ich in den letzten Monaten besser verfolgen, und es entstehen größere Freiräume um Zeit alleine mit meinem Mann oder mit Freunden zu verbringen. Zuhause achten wir gemeinsam auf eine gesunde Ernährung. Entspannung finde ich in meinen Gedanken, bei gutem Essen und der gemeinsamen Zeit mit Familie und Freunden. Paradoxerweise kann ich mich im Büro entspannen, wenn ich in Ruhe alles „wegschaffen“ kann. Dieses „Rezept“ hilft mir körperlich und emotional stabil zu sein.

SCHWABEN-MOM: Und wenn Du mal nicht arbeitest… Was ist Dein Lieblingsplatz in Stuttgart mit Mann und Tochter?

Katrin: Wir lieben Stuttgart und sind an vielen Orten sehr gerne. Im Sommer sind wir am liebsten auf unserer Dachterrasse. Dort sehen wir über die ganze Stadt.

Und: Unter www.geheimtippstuttgart.de sind einige Lieblingsplätze dabei.

SCHWABEN-MOM: Neben Job und Karriere – was ist für Dich das Schönste am Mamasein?

Katrin: Das Schönste ist, dass sich meine Tochter wohl fühlt und auch sehr gerne „zur Arbeit“ geht. Sie ist ein sehr ausgeglichenes Kind, ein Sonnenschein für uns. Das zu erleben, lieben mein Mann und ich jeden Tag.

Und eins noch: seit ich Mama geworden bin, habe ich viele wunderbare Menschen und neue Perspektiven kennengelernt. Meine Pseudo-Krabbelgruppe, die Working-, Kita- oder Schwaben-Moms und neue Freunde bereichern neben der Familie und den „alten“ Freunden definitiv mein Leben.

Katrin Holzinger ist auch Mitglied im Netzwerk Working Moms Stuttgart (SCHWABEN-MOM berichtete hier).

www.workingmoms.de

Foto: © Matthias Matthai, Fotohaus Sänger