Familylab-Coach Susanne gibt Erziehungs-Tipps: „Kinder müssen ihre Gefühle selber erleben“

Familylab-Coach Susanne gibt Erziehungs-Tipps: „Kinder müssen ihre Gefühle selber erleben“

In meiner letzten Kolumne habe ich darüber geschrieben, wie entscheidend die Beziehung in der Erziehung ist. Und: Welchen Unterschied es macht, wenn wir uns auf unser Gegenüber als ein menschliches Wesen mit eigenem Empfindungssystem beziehen – anstatt auf ein „Besitztum“.

Nun ist das Empfindungssystem von kleinen Kindern in der Findungs- und Erprobungsphase. Wie kann ich mein Kind bei der Entwicklung seines eigenen Empfindungssystems und seiner eigenen Werte unterstützen?

Ganz wichtig: Das Kind benötigt Menschen in seinem Umfeld, die es wahrnehmen, ernstnehmen und die interessiert sind, dieses kleine Wesen kennenzulernen. Die ihm die Chance geben, Erfahrungen selbst zu machen, Gefühle selber zu erleben – und zwar die guten, wie die schlechten. Menschen, die ihm beistehen, ohne ihm dauernd zu sagen wie es „richtig“ wäre.

Eltern denken heute oft, sie müssten unendlich viel für ihr Kind tun, alles wissen und für alles eine Antwort oder Erklärung haben. Das ist auf Dauer ziemlich anstrengend und zu allem Überfluss: die lieben Kleinen danken es uns nicht einmal, sondern lehnen sich womöglich sogar noch auf. Weniger ist oft mehr! Und das Leben an sich spielt da häufig auch nicht mit.

Beispiel: Ein eineinhalbjähriges Kind stürzt auf sein Knie, bleibt am Boden sitzen und weint. Wie ist die typische Reaktion der Eltern? Etwa so: „ Ach, da ist doch gar nichts passiert. Komm steh wieder auf! Tut das so weh? Lass mal sehen. Komm ich puste, so jetzt tut es gar nicht mehr weh!“ Oder so ähnlich!

Die Eltern versuchen in großer Fürsorge alles zu tun, um das Geschehene ungeschehen zu machen, das Wohlfühlen schnell wieder herzustellen. Das sind sicher edle Beweggründe, und wer mag schon gern die Aufmerksamkeit der Passanten auf sich ziehen mit einem schreienden Kind. Doch geht es im Leben wirklich darum die Realität auszublenden? Ist es tatsächlich möglich sich immer wohlzufühlen?
Viel spannender ist, was im Kind vorgeht und mit ihm passiert.

Also: Das Kind fällt und erschreckt sich. Vielleicht tut ihm auch etwas weh. In jedem Fall ist es verunsichert und muss weinen. Durch die prompte Reaktion der Eltern, bleibt für das Kind kaum Zeit in sich zu spüren. Und: Die Interpretation des Geschehenen wird gleich noch mitgeliefert („Ist doch gar nichts passiert.“).

Zwangsläufig wird das Kind seiner „Lebensversicherung Eltern“ glauben schenken, denn es ist ja völlig abhängig und allein nicht überlebensfähig. Da es immer am Vorbild lernt, wird es der Reaktion des Elternteils mehr Glauben schenken, als seiner eigenen Wahrnehmung. Die ja häufig gar nicht erst zum „Einsatz“ kommt, wenn dem Kind gleich gesagt wird, es sei nichts passiert.

Die Folge ist: Das Kind wird die Wahrnehmung seiner eigenen Realität abspalten. Es wird das glauben, was Mama oder Papa sagt und die Bewertung übernehmen. Das führt zu einem permanenten Zweifel. Für das Kind fühlt sich das Erlebte de facto anders an. Und für ihn ist auch nicht „nichts passiert “. Das Kind ist gestürzt. Und wer kann schon den Schmerz oder Schreck eines anderen spüren?

Wenn wir also zurück zum Anfang gehen und den Blick auf unser Kind – als eigenes Wesen mit einem eigenen Empfindungssystem – lenken, dann werden wir unseren Kindern nicht mehr erzählen, dass nichts passiert sei. Sondern interessiert abwarten und feststellen, dass es sich erschreckt hat. Und wir werden es ein bisschen bemitleiden. Bestenfalls werden wir bestätigen, dass es gerade gestürzt ist und fragen, ob es sich erschreckt oder weh getan hat.

Ob es dann im Knie oder in der Seele schmerzt, wird das Kind in diesem Alter nicht unterscheiden können. Aber: Wohltuend und entwicklungsfördernd wird die Aufmerksamkeit und Anerkennung auf jeden Fall sein.

Wahrscheinlich werden die Tränen auch ganz schnell getrocknet sein, wenn man nicht um die Aufmerksamkeit des Erwachsenen kämpfen oder in diesem Fall schreien muss. Denn beide beziehen sich aufeinander – sind in Kontakt.

Susanne Sonnleitner

Susanne Sonnleitner ( 46) lebt mit ihrem Mann und ihren vier Kindern in Vaihingen an der Enz. Sie ist Familienpflegerin, Mediatorin,  und arbeitet als Coach und zertifizierte Family-Lab Seminarleiterin.

Family-Lab eine Familienwerkstatt, die von dem dänischen Bestsellerautor und Familientherapeut Jesper Juul gegründet wurde. Familylab arbeitet mit ausgebildeten Spezialisten, die Seminare und Vorträge halten, mit dem Ziel die bestmögliche Chemie zwischen Kindern und Erwachsenen zu schaffen.  Dabei liegt der Fokus immer auf der Beziehung (statt der Erziehung).

 Susanne gibt regelmäßig für SCHWABEN-MOM Anregungen und Lösungen für den – nicht immer ganz einfachen Alltag – mit den Kindern.

 Susanne kann für Vorträge, Seminare und Coachings gerne angefragt und gebucht werden.

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Kontakt:

Mail susanne.sonnleitner@familylab.de
Mobil 0178 2836840

Weitere Infos:

www.familylab.de

Titelbild oben (Kind): © Phils Photography / fotolia.com

Foto Porträt: privat

 

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