„Man kann die These aufstellen, dass Linkshänder kreativer sind“

„Man kann die These aufstellen, dass Linkshänder kreativer sind“

Rechts oder links? Das ist bei vielen Kindern die Frage. Sind sie nun Rechtshänder oder Linkshänder? Spätestens ein Jahr vor Schuleintritt sollte diese Frage geklärt werden. SCHWABEN-MOM hat mit der Ergotherapeutin Patricia Willikonksy vom Fon-Institut in Stuttgart gesprochen. Ihr Tipp: Beobachtet Eure Kinder bei Tätigkeiten, die nicht durch unsere Rechtshändergesellschaft beeinflusst sind.

SCHWABEN-MOM: Ab wann weiß man als Mutter, ob sein Kind Rechts- oder Linkshänder ist?

Patricia Willikonksy: Bei einer deutlich ausgeprägten Händigkeit kann man eine Dominanz bereits sehr früh erkennen. So äußerten Eltern mir gegenüber, dass Sie bereits im Säuglingsalter wussten, dass ihr Kind zum Beispiel klar linkshändig sei. Spätestens aber mit drei Jahren sollte ein Kind eine Tendenz zu einer Seite zeigen.

SCHWABEN-MOM: Was kann ich als Mutter tun, wenn nicht ganz klar ist, welche Hand mein Kind bevorzugt?

Patricia Willikonksy: Zu Beginn können kleine Beobachtungen selbständig zu Hause durchgeführt werden. Wichtig ist dabei, Tätigkeiten zu beobachten, die von der Umwelt (Rechtshändergesellschaft) nicht geprägt oder beeinflusst sind. Hierzu zählen: Zähne putzen, Gießen mit der Gießkanne, Greifen bei mittig angeordneten Gegenständen, Putzen mit einem Lappen. Weniger wichtig sind Tätigkeiten, die beeinflusst wurden, wie das Schneiden mit der Schere oder das Schreiben mit dem Stift. Ist das Kind jedoch noch ein Jahr vor Schuleintritt in seiner Händigkeit unsicher, sollte unbedingt professionell die Händigkeitsfrage geklärt werden, damit noch genügend Zeit ist, die Grafomotorik vor Schuleintritt zu trainieren.

SCHWABEN-MOM: Was passiert mit einem Menschen, der als Rechtshänder erzogen und als Linkshänder geboren wird?

Patricia Willikonksy: Dies kann zu großen Unsicherheiten und Schwierigkeiten führen. Wir haben eine dominante Hirnhälfte, die für alle motorischen Handlungen der gegenüberliegenden Seite zuständig sind. Der Umgang mit dem Stift, insbesondere das Schreiben, ist der differenzierteste und komplexeste Koordinationsablauf, den unser Körper überhaupt leisten muss. Handelt also ein Mensch mit seiner nicht-dominanten Hirnhälfte, greift er auf eine geringere Leistungsfähigkeit zu. Forscher äußerten sogar, dass die Vernetzung der einzelnen Strukturen der dominanten Hirnhälfte deutlich dichter sei als in der nicht-dominanten.

SCHWABEN-MOM: Wir leben in einer rechtshändigen Welt. Intuitiv gibt man seinem Kind den Löffel in die rechte Hand, deckt den Tisch für Rechtshänder. Wie vermeide ich es im Alltag, mein Kind versehentlich als Rechtshänder zu erziehen?

Patricia Willikonksy: Neutral der Händigkeit gegenüber stehen und sein Kind einfach so machen lassen, wie es von Herzen kommt. Am besten decke ich den Tisch so, dass Messer, Gabel, Glas mittig angeordnet sind, so dass das Kind so zugreifen kann, wie es möchte. Allgemeine Sprüche wie: „Gib die richtige Hand zur Begrüßung“ sollten vermieden werden, denn woher soll das Kind einschätzen können, welches seine richtige Hand ist, wenn intuitiv die linke Hand gereicht wird?

SCHWABEN-MOM: In kreativen Berufen findet man häufig Linkshänder. Ist da etwas dran? Bringen Linkshänder andere Eigenschaften mit als Rechtshänder?

Patricia Willikonksy: Da wie oben erwähnt Händigkeit = Hirnigkeit ist und das Zentrum der Kreativität auf der rechten Hirnhälfte liegt, kann man tatsächlich die These aufstellen, dass Linkshänder kreativer sind. Das heißt aber nicht, dass alle Linkshänder kreativer sind als Rechtshänder.

SCHWABEN-MOM: Linkshänder haben es häufig schwerer in der Schule, schreiben zu lernen. Oft verschmiert die Tinte, wenn sie von links nach rechts schreiben, sie verdrehen Buchstaben und Zahlen und stoßen an den Ellbogen des Sitznachbars. Welche Tipps haben Sie für Mütter von Linkshänder-Kindern für die Schule?

Patricia Willikonksy: Die Aussage, dass Linkshänder es schwerer haben in der Schule, kann ich so nicht unterschreiben. Es gibt auch einige Linkshänder die überhaupt keine Schwierigkeiten haben. Es gibt jedoch im Handling einige Tricks die es einem linkshändigen Kind leichter im Handling machen. Hierzu zählen zum Beispiel eine korrekte Handposition und die Blattlage. Es ist empfehlenswert, das Papier circa 30 Grad nach rechts zu drehen, so dass das Kind nicht in Versuchung kommt, die Tinte zu verschmieren.

SCHWABEN-MOM: Ist Rechtshändigkeit wirklich stärker verbreitet? Wie ist das Verhältnis prozentual von Rechts- zu Linkshändigkeit?

Patricia Willikonksy: Wir haben einen aktuellen Linkshänderanteil von circa 15 Prozent in Deutschland. Es gibt Forscher die davon ausgehen, dass der Anteil der auslebenden Linkshänder steigen wird, da in der Regel heutzutage nicht mehr umgeschult wird.

Patricia Willikonsky

Patricia Willikonsky, Ergotherapeutin, FON Institut Willikonsky

Weitere Infos:
www.foninstitut.de

Foto oben (Titelbild): © fonverlag / Idee: Patricia Willikonsky, Illustration: Ariane Willikonsky

Foto Porträt: privat