Ich will doch nur mal kurz telefonieren

Ich will doch nur mal kurz telefonieren

Manchmal habe ich das Gefühl: Die größte Aufmerksamkeitskonkurrenz für meine Kinder ist das Telefon. Kennt Ihr das? Gerade hat man zum Hörer gegriffen, weil die Kinder gerade so schön beschäftigt sind, schon schreit der Erste. Unter lautem Geschrei versucht man noch schnell, das Gespräch irgendwie elegant zu vertagen.

Beim nächsten Anruf dauert es etwas länger. Nach etwa zehn Minuten nettem Geplauder stürmen meine Jungs das Arbeitszimmer (da habe ich mich zum Telefonieren versteckt), spielen Blockflöte, machen den Computer an oder streiten sich lauthals. Auch mein wildes Gestikulieren mit dem strengsten Blick, das ihnen zeigen soll, dass sie sofort aufhören sollen, bringt überhaupt nichts. Ich verziehe mich mit dem Telefon aufs Klo – aber dann wird heftig an die Tür geklopft. Hat man denn nirgendwo seine Ruhe?

Gerne werden auch – während Telefonaten – Flaschen und Gläser versehentlich umgeworfen und Wasserschlachten im Wohnzimmer ausgeführt. Oder: Fernsehen oder Süßigkeiten während des Telefonats hartnäckig verhandelt. Bis man ja sagt.

Am schlimmsten ist es bei offiziellen Telefonaten – also wenn die Bank, ein Kunde oder der Chef anruft. Dann heißt es: Stellung halten, egal was kommt. Vor einiger Zeit rief die Bank bei mir an – es war etwas sehr Wichtiges, etwas das man nicht mal kurz aufschieben konnte. Denn ich hatte vorher tagelang versucht, die entscheidende Person zu erreichen.

Nach gefühlten 20 Sekunden kam ein lauter Schrei aus dem Kinderzimmer. Ich renne mit Hörer am Ohr zu meinem Kind. Mein Sohn hatte sich mit einem Springseil komplett am Hochbett verknotet – hing halb in der Luft, das Bein fast abgeschnürt. Mit einer Hand befreite ich heldenhaft meinen Sohn, mit der anderen presste ich den Telefonhörer fest ans Ohr – meinem Banker aufmerksam lauschend. Und der hat gar nichts bemerkt. Ich bin ein Profi!

Ich frage mich: Warum passieren diese Dinge immer beim Telefonieren? Wahrscheinlich, weil dann die totale Anarchie ausbricht. Weil man für einen Moment die Kontrolle abgibt, Haltung wahren will – zumindest dem Gesprächspartner gegenüber. Und das wird gnadenlos ausgenutzt.

Mittlerweile bin ich cool geworden. Lasse Anarchie für einen Moment Anarchie sein, sperre mich im Klo ein – komme was mag. Die Scherben und Pfützen werden dann zusammen gekehrt und gewischt. Aber wenigstens habe ich seit einem halben Jahr mal wieder mit meiner besten Freundin in Hamburg telefoniert.

SCHWABEN-MOM-Bloggerin Annika schreibt unter Pseudonym über ihre Gedanken, Sorgen, Freuden und ihren Ärger im alltäglichen Mutter-Dasein in der SCHWABEN-MOM-Kolumne. Sie lebt mit ihren beiden Söhnen in Stuttgart.

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