Gastkolumne von Filiz: Die Perfektionistin als Untermieterin

Gastkolumne von Filiz: Die Perfektionistin als Untermieterin

Heute schreibt Filiz Recber eine Gastkolumne für SCHWABEN-MOM. Filiz lebt mit ihren beiden Kindern (8 und 11 Jahre) und ihrem Mann in Stuttgart-Weilimdorf. Die 37-jährige arbeitet als Seniorberaterin im kognitiven Management beim Stuttgarter Institut für Kognitives Management. Filiz Familie stammt aus der Türkei und ist mit ihrer Kult-Gastronomie „Ützel-Brützel“ stadtbekannt. Sogar Harald Schmidt macht hier gerne einen Abstecher, wenn er in Stuttgart ist. Ihr Mann betreibt mittlerweile das Geschäft der Eltern. In ihrer Kolumne beschäftigt sich Filiz mit der Frage: Warum müssen wir Frauen uns immer vergleichen und warum sind wir bloß so perfektionistisch? Und vor allem: Wie können wir das ablegen?

Ich war und bin manchmal eine Perfektionistin, mit dem Hang mich zu vergleichen.

Bevor ich eine Ausbildung zur Kognitiven Verhaltenstherapeutin machte, habe ich (ich habe sie manchmal immer noch) die oben genannten Probleme. Mit dem Unterschied, dass ich mein Verhalten zumindest reflektiere und die Lösungen kenne.

In meiner inneren WG habe ich so manchen skurrilen Untermieter: Heute erzähle ich Euch von Frau Perfekt und Frau Vergleich-mich-tot.

Ich war manchmal wie gelähmt, wenn ich Dinge verändern wollte, aber es nicht geschafft habe. Schuld daran waren natürlich immer die Umstände, die nicht perfekt genug waren. Ich hatte eine genaue Vorstellung, wie es zu sein hat. Und habe an mir gezweifelt, dass ich es nie genauso perfekt hinbekomme – keine Ahnung wie „perfekt“ eigentlich aussieht oder ist. Und: Ich habe die Dinge erst recht nicht angepackt.

Jetzt hatte ich nicht nur ein Problem, sondern gleich drei:

1. Ich wollte etwas verändern, kam aber nicht ins TUN, weil
2. ich es perfekt verändern oder auch erledigen wollte.
3. Da ich es aber nicht so schaffte, wie ich es mir vorstellte, war ich unzufrieden und fing an, mich mit anderen zu vergleichen und an mir zu zweifeln.

Ein Beispiel:

Ich hatte mir vorgenommen, jeden Tag zu joggen. Jeden Tag, wie soll das mit zwei kleinen Kindern eigentlich gehen? Jeden Tag joggen und gleich um die drei Seen am Bärensee – circa sechs Kilometer. Meine Kondition glich einer untrainierten 45-jährigen, meine sportliche Aktivität bestand vorher nur im Zumba tanzen.

Ich begann zu laufen. Natürlich schaffte ich es nicht wie eine trainierte Rakete um die drei Seen in 40 Minuten, ohne vorher mindestens zehn Mal anzuhalten. Dann wurde ein Kind krank und ich konnte mich nicht an meinen Plan halten. Danach das zweite Kind … Mein Joggen fiel ins Wasser.

Aber nicht verzweifeln, sagte ich mir. Ich begann wieder zu laufen, aber es ging langsam, es ging mir zu langsam und ich gab auf.

Fazit: Ich beendete das Laufen und war noch unzufriedener, denn ich habe mir ja meine falschen Glaubensätze selbst bestätigt.

Was ist passiert: Ich habe mein Ziel zu hoch gesteckt und meine Gedanken haben sich immer um das gleiche Thema gedreht. Dass ich eine schlechte Sportlerin bin und es niemals schaffen werde – meine Forderungen an mich waren utopisch hoch.

Kennt Ihr das auch? Wenn dieser Film abläuft entsteht eine Unruhe – der innere Untermieter wird immer lauter. Die Gedanken kreisen um das eine Thema: nicht gut genug zu sein. Nun kommt aber noch eine innere Stimme dazu, die ruft: „Alle sind besser als ich.“

Die eigenen Vorwürfe werden lauter und der Fokus fällt auf alles, was man nicht geschafft hat. Die Untermieterin Frau Perfekt – und die haben wir ja irgendwie alle – ist natürlich nie zufrieden. Denn es gibt ja noch jemanden da draußen, im Freundeskreis oder auf Facebook, der noch besser ist als ich. Der sich auch noch um seine Karriere kümmert – so ganz nebenbei.

Frau Vergleich-mich-tot kommt jetzt zum Zuge und fragt ständig: „Spieglein, Spieglein an der Wand, wer ist die Schönste, Beste im ganzen Land?“ „Ja, Du bestimmt nicht ruft es zurück. Anke, Jasmin, Silke, Jennifer, Carmen …, die sind Dir um Meilen voraus.“

Die schlechte Laune und die innere Unzufriedenheit wächst. Durch die Vergleiche und die perfektionistischen Ansprüche habe ich mein Bewusstsein mit den immer wiederkehrenden Gedanken so oft gefüttert, dass ich daran geglaubt habe. Meine Bewertung der Umstände haben mich in eine Sackgasse geführt.

Was habe ich getan, was muss man tun?

Ich habe meine Festplatte zurückgesetzt.

1. Ich habe gelernt, mich selbst zu akzeptieren, so wie ich bin mit Haut und Knochen, Cellulite und zehn Kilo mehr…
2. Ich gehe mit mir selber netter um. Ich bin respektvoll zu mir.
3. Ich versuche, die Umstände und die Menschen bedingungslos zu akzeptieren. Das ist eine harte Arbeit kann ich Euch sagen!

Jetzt packe ich die Dinge aktiv an. Das bedeutet: Ich mache eines nach dem anderen, setze meine Prioritäten.

Alles braucht seine Zeit und die gebe ich mir.

Ich habe es geschafft. Heute laufe ich zweimal um den Bärensee. Es hat mehr als 365 Tage gedauert bis ich das geschafft habe, aber egal! Manchmal habe ich Rückschläge, aber heute akzeptiere ich diese Rückschläge und gebe nicht auf. Meine Ziele sind nicht mehr so perfekt und utopisch. Ich erreiche sie in Etappen und arbeite an mir. Ich bin sehr glücklich und zufrieden mit mir.

Meine Untermieterin Frau Perfekt und Vergleich-mich-tot dürfen da sein, ich bekomme sie nie weg. Der Unterschied aber ist, dass ich sie sofort ertappe und sie in die Schranken weise. Das kann man lernen.

Ich rate Euch: Hört auf mit der Perfektion und dem Vergleichen. Das sind Erfindungen und Glaubenssätze, die wir übernommen haben. Jeder von uns ist so individuell und kostbar mit seinen Schwächen und Stärken.

Konzentrieren wir uns auf unsere Stärken und kultivieren sie. Trainieren wir unsere Schwächen, damit sie kleiner werden.

Wie laut sind Deine Untermieter und kennst Du sie überhaupt?

Herzliche Grüße

Filiz

Möchtest Du auch aus Deinem Leben als Mutter berichten? Wir freuen uns auf Deine Gast-Kolumne! Schreibe uns einfach an mail@schwaben-mom.de.

Foto: © Fotodesign Rolf Schwarz, Ludwigsburg