Hochsensibiltät: Ist Dein Kind auch ein Superfühlkraftheld?

Hochsensibiltät: Ist Dein Kind auch ein Superfühlkraftheld?

Petra Neumann ist hochsensibel. Das heißt: Sie fühlt die Welt intensiver als andere Menschen, hat besonders geschärfte Sinne, trägt einen inneren Seismographen für Stimmungen und Gefühle anderer Menschen in sich. Diese Gabe hat sie an ihre beiden Kinder weitergegeben. Auch ihren beiden Kinder (Sohn, zehn Jahre und Tochter, acht Jahre) sind hochsensibel. Erst durch ihre Kinder hat sie ihre eigene Hochsensibilität erkannt und sich mit dem Thema intensiv beschäftigt.

Die 33-jährige Heilbronnerin ist eigentlich Fremdsprachenkorrespondentin und Heilpraktikerin. Aber sie hat eine kleine Mission: Als Expertin für Hochsensibilität möchte sie sich für das Thema stark machen und andere über das Thema aufklären. Sie schreibt regelmäßig Beiträge in Blogs und auf ihrer eigenen Webseite www.high-sensitivity.de. Und: Sie hat das erste Kinderbuch in Deutschland über Hochsensibilität geschrieben. Ihr Buch „Henry mit den Superkräften“ ist 2015 in einem kleinen Verlag erschienen und erzählt von einem siebenjährigen Jungen mit genau diesen Superfühlkräften. Es sind die alltäglichen Situationen in Henrys Alltag, über die er sich freut, die ihn verunsichern oder auch ängstigen. Und wie Henry diese Situationen mit seinen Superfühlkräften meistert. Ein leises, empathisches Buch über Kinder, die es lieber leise als laut haben und intensiv als oberflächlich.

Für SCHWABEN-MOM hat Petra eine Kolumne zu dem Thema Hochsensibilität geschrieben. Vielleicht findet Ihr Euch oder Eure Kinder darin wieder.

Ist auch Dein Kind ein Superfühlkraftheld?

Kennst Du sie auch, diese Zweifel und Fragen? Hab ich mein Kind zu sehr in Watte gepackt? Ist es zu empfindsam, zu ängstlich, zu nachdenklich? Härte ich es nicht genug ab, verwöhne ich es zu sehr? Bin ich womöglich eine Helikoptermutter?

Es gibt viele verunglimpfende Worte, die ein empfindsames und besonders sensibles Kind hören muss: von Angsthase über Mimose über Zicke und Prinzessin auf der Erbse. Eigentlich völlig unverständlich, wo sie doch so viel mehr, so viel Wertvolleres sind – die hochsensiblen Kinder. Nämlich Superfühlkrafthelden.

Doch was genau macht ein hochsensibles Kind aus?

Elaine Aron, eine amerikanische Psychologin, die das Thema wissenschaftlich untersucht, geht derzeit von rund 20 Prozent der Menschen aus, die diese neurologische Besonderheit aufweisen. Hochsensibilität zeigt sich in vielen Bereichen auf unterschiedliche Art und Weise: Während die einen wahre Seismographen sind, was Stimmungen und Gefühle im Raum betrifft, erscheint es für andere wiederum unerträglich das Zettelchen im Pullikragen zu spüren. Geräusche, Gerüche, taktile Eindrücke – viele Einflüsse werden ungefilterter wahrgenommen. Dass hier die Erschöpfung schneller eintritt, als bei „normal sensiblen“ Kindern liegt nahe. Hochsensible Kinder sind oft sehr empathisch, einfühlsam und machen sich altersuntypisch tiefgreifende Gedanken. Sowohl das Gerechtigkeitsempfinden, als auch das Harmoniebedürfnis sind stark ausgeprägt. Ein Großteil dieser kleinen Helden ist eher introvertiert – jedoch bestätigen auch hier die Ausnahmen die Regel.

Wie bekomme ich die Diagnose „hochsensibel“?

Gar nicht. Denn Diagnosen gibt es nur für Krankheiten. Hochsensibilität ist keine Störung, Krankheit oder Behinderung. Eigentlich handelt es sich dabei um eine Superfühlkraft. Es gibt mittlerweile mehrere Tests, die als grobe Orientierung dienen können. Hier empfehle ich gerne den Test von Elaine Aron selbst. Doch letztlich liegt es an uns Eltern, zu erkennen, wie unser Kind gestrickt ist. Und da von einer erblichen Veranlagung ausgegangen wird, lohnt sich auch ein Blick auf das eigene Leben, die eigene Kindheit. Folgende Fragen können zur Überlegung anregen, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen. Mir ist klar, dass einige Aspekte zu vielen Kindern passen, doch hier entscheidet die Tiefe des Zutreffens, nicht die Quantität:

• Mein Kind war schon im Mutterleib recht schreckhaft.
• Es wartet eher ab und beobachtet, bevor es selbst etwas ausprobiert.
• Veränderungen verkraftet es nur schwer.
• Bei Kleidung und Essen ist es sehr wählerisch.
• Lärm und Schnelligkeit ängstigt es.
• Einschlafen wird öfter durch Gedankenkarussells erschwert.
• Hunger, Durst, Kälte, Wärme – alles wird scheinbar übertrieben empfunden.
• Das Kind pflegt eher wenige tiefe, denn oberflächliche viele Beziehungen.
• Es wird häufiger von seinen Gefühlen überwältigt.

Liegt es an mir, dass mein Kind so empfindlich ist?

Nein. Es wurde so geboren. Natürlich ist es nicht förderlich, es nun ewig in Watte zu packen. Doch die Empfindsamkeit ist weder anerzogen noch eingebildet. Deshalb ist es wichtig, eine ganz individuelle Balance zu finden, wie weit ich meinem Nachwuchs welche Herausforderungen zutrauen möchte. Hier helfen weder Ratgeber noch Checklisten oder Normwerte. Ich ganz persönlich habe festgestellt, dass immer noch ein klein wenig mehr geht, als ich gedacht hätte. Abhärten im Sinne von blindem in absolut unerträgliche Situationen bringen ist komplett destruktiv und zu verurteilen, egal um welches Kind es geht.

Jetzt habe ich herausgefunden, dass ich einen hochsensiblen Sprössling habe. Und nun?

Jetzt weißt Du, dass es eine Erklärung für das Verhalten Deines Kindes gibt. Freue Dich darüber! Genieße es, einen Menschen großzuziehen, der Dir so viele neue Sichtweisen, Facetten zeigt, Impulse setzt und dessen Begleiter Du sein darfst! Ebne ihm die Wege, die ihm gut tun, traue ihm zu, seinen Platz auf dieser Welt zu finden. Fordere ihn so weit heraus, dass er seinen Selbstwert erfährt und seine eigene Kraft. Sprich für ihn, wenn er nicht gehört wird und lebe ihm vor, dass seine Stimme wichtig ist. Die schnellen, lauten, preschenden Helden brauchen wir heute, gar keine Frage. Doch die Superfühlkrafthelden genauso sehr. Denn sie sind es, die für eine gesunde Balance sorgen, wenn man sie denn lässt.

Infos zum Buch:

Superfühlkraftheld
Taschenbuch: 115 Seiten
Verlag: AMH – Natürlich Leben (15. Januar 2015)
Sprache: Deutsch
ISBN: 978-3-9816571-1-1
empfohlenes Alter: ab 5 Jahren
Format: 19,8 x 12,4 x 1,4 cm

Weitere Infos:

www.high-sensitivity.de