Leistungssport Kindheit: Was tun wir unseren Kindern nur an?

Leistungssport Kindheit: Was tun wir unseren Kindern nur an?

Ich frage mich manchmal, ob ich heutzutage gerne ein Kind wäre. Geht es Euch nicht auch so, dass Ihr manchmal das Gefühl habt, dass Eure Kindheit irgendwie entspannter war? Die Hausaufgaben waren weniger, die freie Zeit mehr, die Schulzeit länger, der Terminkalender leerer – mehr Zeit zum Trödeln und Träumen und zum Spielen. Wir haben den ganzen Tag mit anderen Kindern draußen gespielt – haben uns in unserer Kinderwelt sozialisiert und aufs echte Leben vorbereitet. Der populäre dänische Familientherapeut Jesper Juul sagt, dass das Spielen für Kinder das Allerwichtigste sei. Dort wird alles für das Leben relevante gelernt – nicht bei der Ergotherapie und auch nicht beim Taekwondo oder in der bilingualen Krippe.

Unsere Leistungsgesellschaft macht aus der Kindheit einen Leistungssport und wir sind die Trainer. Als mein jüngerer Sohn vor einigen Jahren in der Krippe war, begann während der Eingewöhnung eine Art Assessment Center. Es wurde genau analysiert, was kann er mit eineinhalb Jahren schon, was noch nicht. „Okay, das kann er noch nicht, aber das ist noch im Rahmen“, klärte uns die Erzieherin auf. Die Räume in der Krippe hießen Bildungsräume – es waren keine Spielräume, es ging um mathematisch-logisches Denken im grünen Zimmer, im roten Zimmer ging es um musikalische Früherziehung, im gelben um Sprachförderung. An den Treppen hing das Alphabet, an der Garderobe hingen die Zahlen – Bildung satt, wo es nur geht. Das Konzept heißt „Einstein“ – Ihr kennt es sicher alle. Allein dieser Name spricht Bände. Brauchen wir wirklich nur noch Einsteins?

Mein großer Sohn kam drei Wochen nach der Einschulung in den Förderunterricht (genannt „Club“ – klingt entspannter), weil er noch keine Silben klatschen konnte. In der dritten Klasse verschlang er innerhalb einer Woche einen Harry Potter Band in den folgenden alle weiteren. Kann man den Kindern nicht einfach mal Zeit geben?

Wo ich hinhöre, klagen Mütter über Schul- und Freizeitstress. Und auch Kinder sprechen schon von Stress – ein Wort, dass ich in der Grundschule noch nicht kannte. Aktuelle Studien zeigen, dass Kinder schon heute in den ersten Schuljahren unter psychosomatischen Symptomen leiden. Kein Wunder …

Nach den Herbstferien erzählte mir eine befreundete Mutter, deren Sohn unter ADS leidet (wer tut das heute nicht), dass er nach den Herbstferien besonders unruhig war, worauf die Lehrerin empfahl, ihm künftig schon vor dem Start der Schule Ritalin zu geben und nicht erst am ersten Schultag. Was ist mit unserer Gesellschaft los, die unruhigere, wildere, langsamere Kinder nicht aushält? Das Leben ist bunt. Wir brauchen sie alle!

Es ist ein Thema, dass mich sehr umtreibt, dass mich fast wütend macht. Überall erlebe ich sorgenvolle Eltern. Die Angst, dass das Kind nicht stromlinienförmig mitläuft, ist groß. Aber ich frage mich: Warum machen wir da mit? Warum klinken wir uns nicht aus? Hören auf unser Gefühl und vertrauen den Kindern als Experten ihrer selbst? Wir gehen für Stuttgart 21 jahrelang auf die Straße, aber nicht fürs G9. Wir schicken unsere Kinder zum Yoga und machen mit ihnen Autogenes Training, aber wir nehmen uns keine Zeit mehr, ihnen einfach zuzuhören.

Im Gegenzug gibt es einen riesigen Run auf die beiden G9-Schulen in Stuttgart und auf die Waldorfschulen. Die Sehnsucht und der Wunsch nach Entschleunigung ist da. Neulich erzählte mir eine Mutter, sie habe plötzlich bemerkt, dass sich die Kommunikation mit ihren Kindern fast nur noch um „Vokabeln lernen und Hausaufgaben“ dreht. Sie habe damit einfach aufgehört – seit dem sei alles viel entspannter. Das ist doch mal ein Anfang.

SCHWABEN-MOM-Bloggerin Annika schreibt unter Pseudonym über ihre Gedanken, Sorgen, Freuden und ihren Ärger im alltäglichen Mutter-Dasein in der SCHWABEN-MOM-Kolumne. Sie lebt mit ihren beiden Söhnen in Stuttgart.

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