ARTHELPS-Geschäftsführerin Yasemin: „Ich würde gerne eine ermutigende Person für andere sein“

ARTHELPS-Geschäftsführerin Yasemin: „Ich würde gerne eine ermutigende Person für andere sein“

Schon in ihrer Jugend wollte Yasemin Lupo nichts anderes tun, als sozial benachteiligten Menschen zu helfen. Die zweifache Mutter aus dem Großraum Stuttgart ist Geschäftsführerin der bundesweiten Initiative ARTHELPS. ARTHELPS hilft sozial benachteiligten Menschen über Kunst und Kreativität, wieder Zugang zu sich selbst zu finden, wieder an sich zu glauben. Und: Von dem Verkauf der Produkte, die in Kreativ-Workshops entstehen, können die Projektteilnehmer auch kfinanziell unterstützt werden. Yasemins Mann Thomas Lupo hatte die Idee zu ARTHELPS und gründete 2011 – gemeinsam mit einigen Kreativen – in Stuttgart den Verein. Mittlerweile ist ARTHELPS ein großangelegtes Projekt mit bundesweitem Netzwerk.

Prominente wie Eckart von Hirschhausen oder Rea Garvey unterstützen den Verein. Auch ihre kleinen Kinder (vier und sechs Jahre) engagieren sich bei ARTHELPS. „Es ist schön, als gesamte Familie aktiv sein zu können“, sagt Yasemin. Eigentlich ist Yasemin Krankenschwester und Lehrerin. Im SCHWABEN-MOM-Interview erzählt uns die 34-jährige, warum sie sich bewusst gegen den Job und für das soziale Engagement entschieden hat, welche persönliche Vision sie mit ARTHELPS hat, was sie bei den Projekten am meisten berührt und was für sie das Schönste am Mamasein ist.

SCHWABEN-MOM: Du bist Geschäftsführerin von ARTHELPS, einer bundesweiten Initiative von Kreativen und Künstlern, die Menschen aus sozial benachteiligten Verhältnissen hilft, über gemeinsame Kunstprojekte, sich auszudrücken, kennenzulernen und ein Sprachrohr zu finden. Erzähle uns, was macht Ihr genau?

Yasemin: Wir arbeiten auf zwei verschiedenen Ebenen. Zum einen möchten wir mit Kreativprojekten auf emotionaler Ebene helfen. Durch Kreativität und Kunst bekommen die Teilnehmer Zugang zu sich selbst. Erfolgserlebnisse helfen und motivieren neue Lösungswege zu finden. Wir merken immer wieder, dass Teilnehmer nach so einem Workshop wesentlich „positiver“ empfinden. Als Kreativ-Organisation empfinden wir auch diese „soft facts“ als sehr wichtig. Denn die innere Einstellung macht sehr viel aus im Leben: Blickt man der Zukunft positiv oder negativ entgegen?

Da wir mit sozialbenachteiligten Personengruppen arbeiten, sind Erfolgserlebnisse sehr wichtig. Werke die aus diesen Workshops entstehen werden öffentlich gezeigt. Oft sind diese Dinge auch medienwirksam, was unseren Teilnehmern sehr gut tut. Denn sie merken plötzlich, dass sie „etwas schaffen können“, und dass sie wahrgenommen werden.

Wir von ARTHELPS verstehen uns als „Lautsprecher oder Verstärker“. Wir machen das laut, was unsere Teilnehmer können.

Die zweite Ebene ist, dass wir Gelder generieren mit dem Verkauf von Produkten die durch Workshops entstanden sind. Die Gelder verwenden wir dann je nach Projekt für neue soziale Projekte oder sie fließen direkt zurück an den Entstehungsort. Dadurch unterstützen wir nachhaltig die Projektteilnehmer, die meistens in anderen Hilfsorganisationen eingebunden sind.

SCHWABEN-MOM: Welche Angebote habt Ihr für Kinder und Jugendliche?

Yasemin: Wir konzentrieren uns vor allem auf sozial benachteiligte Personengruppen. Darunter fallen auch andere Personengruppen. Natürlich auch Kinder und Jugendliche. Wir bieten Kreativworkshops an, bei denen Kinder und Jugendliche ihre Fähigkeiten ausleben können. Es geht auch darum, Ängste abzubauen, und sich dabei völlig frei zu fühlen.

Momentan haben wir eine Aktion im renommierten Stadtkaufhaus „Das Gerber“ in Stuttgart. Dort arbeiten wir mit Flüchtlingen mitten im Einkaufsgeschehen. Wir haben dort eine Kreativinsel und jeder kann sich einbringen und kreativ ausbrechen. Einige Flüchtlingsgruppen nehmen daran teil, darunter auch Kinder und Jugendliche. Die Gruppen mischen sich auch mit Design-Studenten und ehrenamtlichen Helfern. Dort wird gemeinsam gearbeitet und es entstehen experimentelle, hochwertige Werke und Designprodukte. Am 19.12.2015 werden diese im „Gerber Upstairs“ präsentiert. Viele Musiker beteiligen sich an diesem Event und werden dort für musikalische Unterhaltung sorgen.

SCHWABEN-MOM: Gibt es ein Projekt, das Dich besonders berührt hat?

Yasemin: Für mich ist jedes Projekt besonders und einzigartig. Ich kann aus einzelnen Projekten Ereignisse herauspicken, die mich sehr berührt haben.

Beispielsweise hatten wir ein Holzpaletten-Projekt mit Jugendlichen, die keine Perspektive für einen Arbeitsplatz hatten. Wir haben aus alten Holzpaletten neue Möbel mit ihnen gebaut. Diese wurden im Breuninger Stuttgart ausgestellt und versteigert. Was mich besonders berührt hat war, dass zwei von diesen Teilnehmern aufgrund ihrer Erfahrung „mit Holz zu arbeiten“ plötzlich wussten, was sie wollen. Sie waren nach dem Projekt motiviert, und haben sich beworben (mit Bildern aus den Ergebnissen des Workshops) und einen Ausbildungsplatz bekommen. So kann ein Leben durch einen ARTHELPS-Workshop völlig neuen Kurs aufnehmen.

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Immer wieder berühren mich Aussagen von Teilnehmern die sich wiederholen. Sie fühlen sich wie in einer „Familie“. Nach jedem Workshop merken wir, dass Teilnehmer gar nicht aufhören wollen. Sie wollen weitermachen – es bricht etwas aus ihnen heraus, das sie vorher an sich selbst nicht entdeckt hatten.

SCHWABEN-MOM: Welche Bedeutung hat Kunst für Kinder, die es nicht so leicht haben, wie die Kinder aus unserem Umfeld? Ist Kunst ein Anker?

Yasemin: Ich empfinde Kunst und Kreativität wie eine Brücke die in zwei Richtungen geht.
Zum einen finden diese Kinder neuen Zugang zu sich selbst. Oft trauen sie sich nicht viel zu. Diese Aussage hören wir sehr oft zu Beginn eines jeden Projekts. Dann gibt es meistens eine Phase mitten im Projekt, in dem plötzlich etwas aus ihnen „ausbricht.

Bei unseren Projekten sind Fehler erlaubt, oder sogar erwünscht. Das baut Ängste bei den Teilnehmern ab, und führt zu spannenden, unerwarteten Ergebnissen. Kreativität beginnt da, wo Ängste keinen Raum mehr haben. Sie bekommen Mut, trauen sich Dinge auszuprobieren und entdecken am Ende sich selbst dabei. Kunst ist hier also eine Brücke, die von innen nach außen führt. Genau das ist unser Ziel!

SCHWABEN-MOM: Was ist Deine Aufgabe als Geschäftsführerin?

Yasemin: Bei uns läuft alles auf einer Ebene und Augenhöhe ab. Als Geschäftsführerin habe ich eben noch ein paar andere Aufgaben, als an den Projekten an sich mitzuwirken. Wir sind immer wieder auf der Suche nach Sponsoren und Kooperationspartnern. Meine Aufgabe ist es, unsere Projekte zu präsentieren und vorzustellen. Ich pflege den Kontakt zu unseren Kooperationspartnern und Sponsoren. Außerdem stehe ich in Verbindung mit den Hilfsorganisationen, die wir unterstützen. Ich schaue nach dem Bedarf für anstehende Projekte und plane gemeinsam mit unseren Kreativen weitere Einsätze und Projekte.

SCHWABEN-MOM: Was ist Deine persönliche Vision bei Deinem Engagement? Was möchtest Du für Dich mit ARTHELPS erreichen?

Yasemin: ARTHELPS ist für mich eine Möglichkeit meine eigene Leidenschaft auszuleben. Schon in meiner Jugendzeit wollte ich nichts anderes tun, als in Hilfsorganisationen mitzuwirken. Ich bin viel gereist und habe viel gesehen. Das alles hat mich geprägt.

Meine Vision ist ganz einfach zu erklären: Ich würde gerne eine ermutigende Person für andere sein, denen es sonst an Ermutigern fehlt. Es ist nicht einfach, herausfordernde Situationen im Leben zu meistern. Aber es gibt immer eine Lösung. Da ich in meinem Leben selbst durch schwierige Lebenslagen gegangen bin, weiß ich das Ermutiger wichtig sind. Und ich hoffe, dass wir das durch und mit ARTHELPS für andere sein können. Ein kleines Licht im Dunkeln.

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SCHWABEN-MOM: Machst Du Deinen Job für ARTHELPS ehrenamtlich, oder hast Du parallel noch einen weiteren Job?

Yasemin: Ich mache meinen Job bei ARTHELPS e.V. ehrenamtlich. Da ich Mutter von zwei Kindern bin, habe ich keine Zeit noch zusätzlich zu der ehrenamtlichen Tätigkeit zu arbeiten. Denn mir ist meine Zeit mit meinen Kindern auch sehr wichtig. Außerdem würde die Qualität der Arbeit bei ARTHELPS darunter leiden. Ich habe mich bewusst dafür entschieden ARTHELPS voranzutreiben.

SCHWABEN-MOM: Verändert Deine Arbeit bei ARTHELPS auch den Blick auf Deine eigenen Kinder und auf Deine Erziehung?

Yasemin: Vielleicht nehme ich dadurch bewusster wahr, wie wichtig Förderung in der Kreativität für die Persönlichkeitsentwicklung ist. Und wie wichtig es ist, sich Zeit genau dafür zu nehmen, mit den Kindern am Tisch zu sitzen und ihnen auch Zeit und Raum für Kreatives zu geben. Oft nehmen wir unsere Kinder auch zu Kreativ-Projekten mit. Sie haben sehr viel Freude daran. Es ist schön als gesamte Familie aktiv sein zu können.

SCHWABEN-MOM: Engagement und Kinder – Du machst viel für andere. Was tust Du für Dich?

Yasemin: Ich versuche mir immer wieder Ruhezeiten zu gönnen und lese dann viel. Außerdem verbringe ich meine freie Zeit gerne mit Menschen, die mir sehr wichtig sind.

SCHWABEN-MOM: Dein Lieblingsplatz in Stuttgart?

Yasemin: Da wo meine Liebsten gerade sind. 🙂

SCHWABEN-MOM: Was ist für Dich das Schönste am Mamasein?

Yasemin: Zu sehen, dass meine Kinder in einem gesunden und liebevollen Umfeld aufwachsen und in ihren Fähigkeiten gefördert werden. Denn in Anbetracht der Situation weltweit, ist dies längst keine Selbstverständlichkeit mehr. Es ist schön zu sehen, wie sie sich entwickeln und wie jeder von ihnen einzigartig ist. Es fühlt sich an wie ein Geschenk.

Am 19.12.2015 verkauft ARTHELPS im Stuttgarter Kaufhaus Gerber Upstairs in Stadtmitte tolle Design- und Kunstprodukte, die in den vergangenen Wochen in Projekten gefertigt wurden. Und: Im Obergeschoss gibt es eine offene Kreativ-Werkstatt für Kinder und Jugendliche aus Krisengebieten. Hier sind alle Kinder herzlich eingeladen.

Weitere Infos:

https://www.facebook.com/ARTHELPS/events?key=events

www.arthelps.de

Fotos: ARTHELPS e.V.