Gastkolume von Filiz: Mein Schatten – die Angst

Gastkolume von Filiz: Mein Schatten – die Angst

Wir freuen uns, dass Filiz Recber wieder eine Gastkolumne für SCHWABEN-MOM schreibt. Filiz lebt mit ihren beiden Kindern (acht und elf Jahre) und ihrem Mann in Stuttgart-Weilimdorf. Die 38-jährige arbeitet als Seniorberaterin und Projektmanagerin beim Stuttgarter Institut für Kognitives Management. Filiz Familie stammt aus der Türkei und ist mit ihrer Kult-Gastronomie “Ützel-Brützel” stadtbekannt. Sogar Harald Schmidt macht hier gerne einen Abstecher, wenn er in Stuttgart ist. Ihr Mann betreibt mittlerweile das Geschäft der Eltern. In ihrer letzten Kolumne beschäftigte sich Filiz mit ihrer Untermieterin – der Perfektionistin. In der heutigen Kolumne geht es um ihren Schatten – die Angst.

Sobald man weiß, man ist schwanger sind die ersten Gedanken: Hoffentlich geht die Schwangerschaft gut, entwickelt sich das Baby gesund und verläuft die Geburt ohne Probleme.

Ist das Baby da, entwickeln wir eine feine Alarmanlage, sind immer auf der Lauer um die Situation gut im Überblick zu haben, und die Gefahren gut abzuschätzen und sie zu verbannen.

Die Geschichte mit dem Säbelzahntiger, der um die Ecke gerannt kommt, kennt fast jeder. Unsere Vorfahren haben die Angst perfektioniert damit sie überleben konnten.

Heute scheint die Angst allerdings aus dem Ruder geraten zu sein.

Wir sind chronisch hyperängstlich, wenn unser Baby zu spät die ersten Zähne bekommt, zu spät läuft oder zu spät liest. Angst vor dem eigenen Versagen, Angst vor der Zukunft, Angst etwas zu verpassen, Angst verlassen zu werden, Angst vor dem Loslassen der Kinder, Angst vor Krankheiten, Angst vor der Arbeitslosigkeit, Angst vor der Angst …

Wir werden von Nachrichten und Bildern überschüttet, so dass wir unbewusst durch die Angst krank werden. Mitunter kann Angst nützlich sein, oft aber lähmt sie. Und manchmal wird sie selbst zur Gefahr.

Obwohl ich weiß, dass der Säbelzahntiger nicht mehr um die Ecke geschossen kommt, habe ich einen Schatten (einen unfreundlichen Untermieter) in meinem Kopf, der gelegentlich vorbeikommt und mich stresst.

In meinem Kopf führe ich Regie und bin sehr einfallsreich über die Szenen, was alles passieren kann. Dabei fühle ich mich manchmal wie Quentin Tarantino.

Aus welchem Rezept besteht die Angst?

Aus dem ständigen inneren Konflikt zwischen dem „was wirklich ist“ und dem „was sein sollte und passieren könnte“. Also: aus irrationalen Gedanken.

Ich hatte Euch in meinem vergangenen Blogbeitrag die Untermieterin „Perfektionistin“ beschrieben, die auch immer da ist. Diese ungnädigen Untermieter nehmen so viel Raum in unserer Gedankenwelt ein, dass wir sie bewusst nicht mehr erkennen. Wir schwimmen in einem Meer voller Gewohnheiten, Wiederholungen und Ängsten vor der Zukunft oder vor Vergangenem. Dadurch vergessen wir das Hier und Jetzt.

Aber wie könnten wir das ändern – den Kreislauf durchbrechen?

Gehen wir einen Schritt zurück. Ich frage mich immer:

1. Ist das überhaupt realistisch, was ich mir so vorstelle?
2. Wie geht es mir gerade, wie fühle ich mich?
3. Gibt es jetzt während ich diesen Artikel lese, eine bedrohliche Gefahr?
4. Gibt es einen Beweis, dass ich im nächsten Augenblick, tot umfalle? Oder meinem Kind etwas zustößt?

Wenn wir diese Fragen ganz realistisch beantworten, lautet die Antwort vermutlich:

1. nein
2. gut
3. nein
4. nein

Zusammengefasst bedeutet das: Der Untermieter erzählt mir über den Tag hin recht viel, und somit inszeniere ich mir selbst eine Welt voller Gefahren.

Natürlich gibt es im Alltag Gefahren, die wir kennen und erlernt haben.

Aber müssen wir Angst haben, die uns lähmt und uns hindert das Leben leichter zu leben?

Das Wort „Angst“ ersetzen wir in der kognitven Verhaltenstherapie mit „besorgt“.

Ich bin besorgt oder „ich mache mir Sorgen“ um meine Zukunft! Diese Aussage lähmt nicht, sondern gibt einen kreativen Raum, sich darüber Gedanken zu machen, welche Möglichkeiten und Lösungen es gibt, die Umstände zu verändern.

Dagegen: „Ich habe Angst um meine Zukunft!“ Hier entsteht ein Horrorszenario nach dem anderen im Kopf, dieser Gedanke macht eng und unflexibel.

Bleibt den Gefahren um Euch herum sachlich und cool. Informiert Euch, welche Möglichkeiten Ihr habt, angstfreier und mutiger zu leben.

Es geht nicht darum, die Angst ganz aus dem Alltag zu verbannen und alle Risiken zu verdrängen. Es geht darum, sie umzuwandeln. Wir sollten uns nicht von der Angst scheuchen lassen, sondern immer wieder innehalten. Und überlegen: Ist das jetzt Panikmache (Angst) oder wirklich gefährlich? Oder bin ich einfach überbesorgt?

Herzliche Grüße

Filiz

Möchtest Du auch aus Deinem Leben als Mutter berichten? Wir freuen uns auf Deine Gast-Kolumne! Schreibe uns einfach an mail@schwaben-mom.de.

Foto: © Fotodesign Rolf Schwarz, Ludwigsburg