Interview mit Christoph Sonntag: „Das Schönste ist, dass die Kinder dich so lieben wie du bist“

Interview mit Christoph Sonntag: „Das Schönste ist, dass die Kinder dich so lieben wie du bist“

Seit 25 Jahren ist Christoph Sonntag auf den Bühnen der Republik und insbesondere des Schwabenlandes unterwegs. Mittlerweile füllt der 53-jährige mit seinem urkomischen und urschwäbischen Kabarett die Porschearena, hat eigene Radioshows und ist aktuell mit der SWR Landesschau auf Jubeltour. Der gebürtige Waiblinger lebt mit seiner Frau und den gemeinsamen zwei Kindern in Bad Cannstatt. Er hat zwei weitere Kinder aus einer vorherigen Beziehung. Sein Leben ist eine einzige Überholspur – und da fühlt er sich am wohlsten. Neben seinem Job als Kabarettist liegen ihm vor allem die Kinder am Herzen. Mit seiner Stiphtung engagiert er sich in der Stadt für benachteiligte Kinder – mit Ernährungsprojekten aber auch mit Streetwork.

SCHWABEN-MOM-Bloggerin Tanja hat mit Christoph ganz offen über das Leben in einer bunten Patchworkfamilie, nervige Eltern, Humor in der Erziehung und Entspannung im Alltag gesprochen. Sie war begeistert von seiner unglaublichen Energie, seinem Engagement und seiner ganz entspannten Haltung als Vater.

SCHWABEN-MOM: Christoph, als was für einen Vater würdest Du Dich bezeichnen?

Christoph: Ich traue meinen Kindern sehr viel zu, insofern bin ich sicher kein ängstlicher Vater. Kinder wachsen ja, wenn sie was machen dürfen. Allerdings gestehe ich, dass ich hinterhergeschlichen bin, als mein großer Sohn zum ersten Mal alleine einkaufen durfte. Es ist ja so: Wenn’s gut geht, freuen sich alle. Wenn’s schief läuft, macht man sich als Eltern Vorwürfe, schlimmstenfalls bis zum Lebensende. Aber damit müssen Mütter und Väter klarkommen, so oder so. Behütet man die Kinder zu sehr, verpassen sie das Leben. Traut man ihnen zu viel zu, geht auch mal was schief. Da muss jeder für sich den richtigen Weg finden.

SCHWABEN-MOM: Du hast sicher vom Brandbrief eines Cannstatter Schulleiters gehört, der sich gegen die sogenannten Helikopter-Eltern richtete. Hört sich so an, als würdest Du eher nicht in diese Kategorie gehören. Oder trägst Du vielleicht den Ranzen bis vors Klassenzimmer?

Christoph: Nein, das mach ich ganz sicher nicht (lacht). Für Kinder ist es wichtig zu wissen, dass die Eltern da sind, wenn man sie wirklich braucht. Die Betonung liegt auf wirklich. Kinder müssen eben auch lernen, selbst Verantwortung zu übernehmen, und zwar möglichst früh. Für Eltern bedeutet das, dass sie mit ihren Ängsten leben und loslassen müssen.

SCHWABEN-MOM: Wann hast Du richtig Angst gehabt?

Christoph: Meine Frau ist Ethnologin. Zu einem Forschungsprojekt in einem Township in Namibia hat sie unsere beiden kleinen Kinder mitgenommen, da wurde mir ganz anders. Uah, muss das jetzt sein, habe ich mich gefragt. Es gab dort ein Waisenhaus mit vielen HIV-positiven Kindern. Mein Sohn war noch ganz tollpatschig, und ich habe mir vorgestellt, dass er sich blutig verletzten könnte. Es ging dann gut aus, für die Kinder war es ein tolles Erlebnis. Aber es kann auch ganz anders laufen.

SCHWABEN-MOM: Du bist ja ein großer Menschenbeobachter – was geht Dir an den Eltern von heute am meisten auf den Geist?

Christoph: Meine Tochter geht in die siebte Klasse. Da gab es eine Whatsapp-Gruppe, in der ein Mädel gedisst wurde. Na ja, sagen wir, jedenfalls die Eltern des Mädchens waren dieser Auffassung. Die haben dann einen Riesenaufstand veranstaltet, es wurde sogar ein Anwalt eingeschaltet, allerdings von anderen Eltern. Da habe ich mich schon an den Kopf gefasst. Ganz ehrlich, lasst doch die Kinder Kinder sein. Sie müssen lernen, die Dinge selbst zu regeln. Ich habe mit meiner Tochter geredet und ihr gesagt, dass sie sich entschuldigen soll, wenn sie etwas getan hat, wofür man sich entschuldigen muss. Wenn Eltern glauben, sich da einmischen zu müssen, ist es für die Kinder nur peinlich. Sie können nichts daraus lernen.

Christoph Sonntag 3

SCHWABEN-MOM: Hätte das in der Generation Deiner Eltern passieren können?

Christoph: Nein, überhaupt nicht. Die haben uns gar nicht beachtet. Das war manchmal auch nicht lustig. Aber deshalb muss man doch heute nicht komplett in die andere Richtung laufen.

SCHWABEN-MOM: Schon am Sandkasten wünscht man sich in manchen Schaufelkonflikten mehr gesunden elterlichen Menschenverstand. Was läuft schief?

Christoph: Ist doch klar, dass jeder erst mal aufs eigene Kind schaut, das man ja abgöttisch liebt. Für mich ist das zutiefst menschlich. Der eigene Nachwuchs hilft einem, das Wissen um die  eigene Sterblichkeit auszuhalten. Mit dem Kind gibt man das eigene Leben weiter. Das ist großartig, klar, man sollte es nur nicht überhöhen. Auch da muss jeder einzelne das richtige Maß finden.

SCHWABEN-MOM: Du hast vier Kinder. Wie alt sind die?

Christoph: 17, 13, sechs und drei.

SCHWABEN-MOM: Oh, da hast Du wirklich alle Phasen dabei.

Christoph: Ich kann jedes Problem abrufen, nach dem es mir gerade ist (lacht).

SCHWABEN-MOM: Du lebst in einer bunten Patchworkfamilie. Die beiden älteren Kinder stammen aus einer früheren Beziehung von Dir. Die beiden jüngeren hast Du gemeinsam mit Deiner jetzigen Frau. Wie lebt es sich so?

Christoph: Es ist unendlich lebendig und voller Spannungen. Wenn da vier Kinder wären und alle hätten die gleiche Mama, würden sich alle gleicher behandelt fühlen, auch in der Ungleichbehandlung. Man hört schon mal anklagende Sätze wie „das sagst Du ja nur, weil…“ Die Partner machen da übrigens keine Ausnahme. Mit anderen Worten: Es ist spannend, langweilig ist es bei uns nie.

SCHWABEN-MOM: Früher waren Patchworkfamilien exotisch. Heute sind sie sehr zeitgemäß. Hilft das?

Christoph: Wir wissen alle, Partnerschaften können sich auseinander leben. Und natürlich können dann da auch Kinder sein. Man muss einfach schauen, dass man es anständig weiterführt. Ich sage jetzt nicht, dass das einfach wäre. Wenn die Liebe kippt, kann sie ins Gegenteil umschlagen. Das kann sehr verletzend sein, auch fürs eigene Ego. Das klopft ja immer wieder bei uns an und sagt, Mensch, jetzt wirst Du wieder ins Unrecht gesetzt. Wehr Dich endlich mal! Das ist bei mir auch so, wobei ich natürlich schwer daran arbeite (lacht).

SCHWABEN-MOM: Wie wichtig ist Humor für Deine Erziehung?

Christoph: Humor lässt sich bei mir nicht vermeiden, das ist ja mein Beruf, und das ist auch gut so. Für mich ist der Humor eine ganz wichtige Kraft in unserem Dasein. Er kann Konflikte entschärfen und Kompromisse ermöglichen. Er bringt Leichtigkeit in unsere Existenz, die ja manchmal schwer genug ist. Wobei, es kommt natürlich immer auf die Situation an. Humor ist einfach, wenn’s dir egal ist. Bist du selbst involviert, kann das ganz anders aussehen.

SCHWABEN-MOM: Sind Deine Kinder ein Inspirationsquelle für Dich?

Christoph: Natürlich. Und zwar auch deshalb, weil sie mich unheimlich erden. Wenn ich von der Bühne komme, wo 2000 Leute mir zu verstehen gegeben haben, ich sei der Größte, tut es ganz gut, wenn ich daheim erst mal eine vollgekackte Windel wechseln muss. Das ist die Basis, von der man startet.

SCHWABEN-MOM: Wird bei Euch schwäbisch geschwätzt oder hochdeutsch gesprochen?

Christoph: Meine Frau spricht hochdeutsch, ich schwäbisch.

SCHWABEN-MOM: Die Kinder wachsen also zweisprachig auf?

Christoph: Ja, aber das ist ganz absichtsfrei. Der Dreijährige spricht gerade viel schwäbisch, der hat eine Papiphase. Die drei anderen sprechen alle hochdeutsch.

SCHWABEN-MOM: Tut das ein bisschen weh?

Christoph: Nein, das ist einfach zeitgemäß. In meiner Jugend haben nur ganz wenige in meinem heimischen Umfeld hochdeutsch gesprochen. Heute ist das ganz anders. Wir leben in einer globalisierten Welt.

SCHWABEN-MOM: Was ist Dein Lieblingsplatz in Stuttgart und der Region, wenn Du mit den Kindern unterwegs bist?

Christoph: Das ist der Max-Eyth-See. Natürlich auch deshalb, weil der mir und meiner Stiftung sehr am Herzen liegt. Wir haben dafür gesorgt, dass er mehr Frischwasser bekommt und nicht umkippt. Das hat bisher mehr als eine Million Euro gekostet. Für uns ist der See ein Traum. Wir können ihn in fünf Fahrminuten erreichen. Neulich steht der Dreijährige am Ufer und erklärt tatsächlich: „Papa – Urlaub.“

SCHWABEN-MOM: Du hast Deine Stiftung angesprochen. Gibt es ein aktuelles Lieblingsprojekt?

Christoph: Anfangs haben wir einen Schwerpunkt auf Ökologie gelegt, weil ich ja auch studierter Landschaftsökologe bin. Aber dann wurde mir klar, dass unsere Kinder eigentlich das viel wichtigere Thema sind. Auch wenn sich das wie eine Plattitüde anhört: Kinder sind einfach unsere Zukunft. Man kann ihnen so viel mitgeben. Leider bekommen nicht alle die Impulse, die sie benötigen. Zum Beispiel, weil sie kein sehr behütetes Elternhaus haben. Um diese Kinder wollen wir uns kümmern. Wir laden sie zu den Kidsweek ein, die wir mitfördern oder zu unseren Ernährungswochen. Da kann man die Möhren selbst aus dem Gartenboden ziehen und zubereiten. Für viele Kinder ist das eine ganz neue Erfahrung.

SCHWABEN-MOM: Welche Reaktionen bekommst Du?

Christoph: Einmal haben wir zusammen geerntet, gekocht und gegessen. Am Ende frage ich, na, wie hat es Euch gefallen? Da meldet sich einer und sagt: „Hey Alter, das war besser wie Döner.“ Das sagt doch eigentlich alles. Auch das Streetcamp in Stuttgart für Ausreißerkinder ist ein ganz wichtiges Projekt.

SCHWABEN-MOM: Was macht Ihr da?

Christoph: Diese Kinder haben oft keine Perspektive. Die enden im Drogensumpf  oder auf dem Strich. Wir haben ein Auto mit Sozialarbeitern, das durch Stuttgart fährt und ganz unbürokratisch frühe Hilfen anbietet. Jeder kann sie ansprechen. Das ist eine echt gute Sache.

SCHWABEN-MOM: Wie kannst Du eigentlich entspannen?

Christoph: Ich versuche, nur noch das zu machen, was ich richtig kann und was mir Spaß macht. Das ist eine unglaubliche Erleichterung. Ansonsten habe ich das Glück, gut abschalten zu können. Mir reicht eine Auszeit von drei Tagen, ich rede mir dann einfach ein, dass ich richtig erholt bin. Dann geht’s wieder auf die Überholspur. Auf der fühle ich mich ganz wohl. Ich könnte sonst wohl auch nicht jeden Abend auf einer anderen Bühne stehen.

Christoph Sonntag 2

SCHWABEN-MOM: Was ist das Schönste für Dich am Vatersein?

Christoph: Dass die Kinder beim Interview reinplatzen, wie gerade eben (lacht). Zum Glück machen wir jetzt kein Live-Interview im Radio. Da kündige ich groß an, Leute, jetzt müsst Ihr mich mal bitte in Ruhe lassen, aber das hat überhaupt keinen Wert. „Papa?“ schallt es sofort durchs Haus. Nein, im Ernst. Das Schönste ist, dass die Kinder dich so lieben wie du bist. Da versucht keiner, dich zu verändern. Das gibt ein unglaublich warmes Gefühl. Mit Kindern lernt man, was Lieben eigentlich bedeutet. Sie nehmen und geben in einer Art und Weise, wie wir Erwachsenen es nicht mehr können. Das ist das Schönste für mich.

Am 17. März 2016 ist Christoph Sonntag übrigens beim 2. Stuttgarter Toleranzgipfel zu sehen.

Weitere Infos:

www.sonntag.tv

Über die Stiftung:

www.sonntag.tv/stiphtung/projekte

Fotos: © sonntag.tv gmbh