Genusscoach + Esspertin Sabrina: „Diäten machen nicht schlank, sondern dick und unglücklich“

Genusscoach + Esspertin Sabrina: „Diäten machen nicht schlank, sondern dick und unglücklich“

Sabrina ist Ernährungstherapeutin und bietet in Esslingen am Neckar mit ihrer Firma essbar ein Genusscoaching an. Das bedeutet: Sie berät Menschen mit Übergewicht oder Ess-Störungen, hält Vorträge zu Ernährungsthemen, gibt Seminare und Kochkurse für Firmen, aber auch für Kinder und Jugendliche. Die 34-jährige studierte Diplom-Oecotrophologie lebt mit ihrem Freund und ihren beiden Söhnen (sechs und neun Jahre) in Denkendorf. „Das ständige Gerede um ungesundes und gesundes Essen und Lebensmittel geht mir langsam echt auf die Nerven“, erzählt Sabrina im SCHWABEN-MOM-Interview. Und sie verrät uns, warum Süßigkeiten bei ihr Zuhause erlaubt sind und warum Diäten eigentlich nur unglücklich machen.

SCHWABEN-MOM: Du bist Ernährungstherapeutin und bietest in Esslingen Genusscoaching an. Erkläre uns, was Du genau machst?

Sabrina: Ich bin Ernährungsberaterin und Esspertin für Essen mit Spaß und Genuss und habe eine eigene Praxis in Esslingen. Dort biete ich von der Krankenkasse bezuschusste Ernährungstherapie bei Übergewicht und Ess-Störungen für Erwachsene, Jugendliche und Kinder an und führe Abnehmkurse durch, die ebenfalls von der Krankenkasse bezuschusst werden.

Ich bin außerdem viel mit Vorträgen, Seminaren und Kursen in kleinen und großen Firmen unterwegs, unter anderem Daimler, Festo und Geberit.

SCHWABEN-MOM: Was ist für Dich ein gutes Essen?

Sabrina: Ein gutes Essen ist für mich, wenn ich was Schönes und Leckeres eingekauft habe, Zeit habe das zu kochen und in schöner Gesellschaft zu essen. Was etwas Schönes für mich heißt? Gute Lebensmittel, die auch noch richtig gut schmecken und von denen ich weiß, wo sie herkommen, das ist mir besonders wichtig bei tierischen Produkten, aber auch Gemüse und Obst kaufe ich gerne dort, wo ich über die Lebensmittel Bescheid weiß – auf dem Markt, im Hofladen, im Bioladen oder direkt beim Bauern.

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SCHWABEN-MOM: Wie erziehst Du Deine beiden Jungs in Sachen Ernährung? Sind Schokolade & Co. tabu?

Sabrina: Oh, nein! Ganz bestimmt nicht. Verbote führen nur dazu, dass erst recht ein Heißhunger darauf oder ein unkontrollierter Umgang damit entsteht. Das ständige Gerede um „ungesundes“ und „gesundes“ Essen und Lebensmittel geht mir langsam auch echt auf die Nerven. Das bringt ja auch irgendwie nichts, wenn jeder weiß, was gesund ist, aber es keiner isst.

Also, keine Angst, meine Jungs essen Süßigkeiten. Wir hatten schon immer einen für alle gut zugänglichen Süßigkeitenschrank. Und sie essen dafür auch so gut wie alles andere an Gemüse, Salat und Obst, nicht immer, aber fast immer!

Natürlich gibt es bei uns auch ein paar Regeln: Erst eine Hauptmahlzeit essen, dann gibt es Süßigkeiten, nach denen sie fragen, aber sich selbst nehmen dürfen. Von allem wird zumindest mal ein Löffel probiert, und kein Essen wird als „eklig“ bezeichnet.

Bei der Aussage „das mag ich nicht“ korrigiere ich gerne in „das magst du HEUTE nicht“. Denn Kinder brauchen bis zu zwanzig Mal, um zu erkennen, ob ihnen wirklich etwas schmeckt oder nicht. Je weniger Kinder probieren (dürfen) in den ersten sieben Lebensjahren, desto weniger haben sie abgespeichert und desto weniger werden sie in Zukunft essen. Letztlich ahmen die Kinder aber nur ihre Vorbilder nach. Wenn der Papa nichts Grünes isst, die Mama sehr schnell oder die große Schwester sehr viel isst, möchten sie auch „mithalten“. Oft schicken mir dann die Eltern die Kinder zum „Reparieren“, das Problem sind aber nicht die Kinder, sondern das ganze „System“ zuhause, das betrachtet werden muss.

SCHWABEN-MOM: Was macht eine gute Kinderernährung aus? Und: Wie bekommt man die Kinder weg von den Süßis?

Sabrina: Natürlich gibt es Lebens- oder Nahrungsmittel, die uns nähren, und es gibt Genussmittel, die eben auch nur in kleineren Mengen zum Genießen da sind, aber kein Erwachsener will die ganze Zeit etwas „Gesundes“ essen. Warum lassen wir das also nicht endlich bei den Kindern sein? Wenn wir sie die ganze Zeit kontrollieren wollen und wir sie zu „gesundem Essen“ (das hört sich ja schon schlimm an, wie soll es dann schmecken?) zwingen wollen, werden sie irgendwann rebellieren, was man bei den meisten Kindern ja deutlich sieht! Sobald sie können, entziehen sie sich der Kontrolle und machen genau das Gegenteil und bezeichnen das als lecker, was sie als „ungesund“ kennengelernt haben und nicht essen dürfen. Nehmen wir die Wertungen raus, gibt es einfach ausgewogene Mahlzeiten und sorgt man sich nicht ständig darüber, ob das Kind genug isst und trinkt, das Richtige isst oder eben nicht, lässt auch ziemlich schnell das Machtspiel nach, das Kinder oft unbewusst mit ihren Eltern spielen. Keine Sorge, auch wenn das Kind mal nichts oder wenig isst, es wird nicht gleich verhungern.

SCHWABEN-MOM: Was ist Dein Lieblingsvesper für Kindergarten und Schule?

Sabrina: Mein Lieblingsvesper – und zum Glück auch gleichzeitig das meiner Kinder- ist ein belegtes Brot (den Belag dürfen sie selbst wählen, meist wollen sie Schinken, Frischkäse oder einen selbstgemachten Aufstrich). Dazu gibt es meistens Gemüsesticks wie Paprika, Karotte oder Gurke. Und weil sie das Gemüse noch lieber essen, wenn sie es eintunken können (das ist bei Kindern sehr häufig so), gibt es noch einen Dipp in Form von Kräuterfrischkäse, Kräuterquark oder beispielweise einer Tomaten-Möhren-Butter dazu.

Manchmal gibt es auch Müsli, das ich in eine verschließbare Dose fülle, dazu etwas frisches Obst und dazu bekommen sie noch Milch zum selbst eingießen in einer kleinen Glasflasche (toll sind die von den Smoothies).

SCHWABEN-MOM: Sind Fertiggläser von Hipp, Alete & Co. für Babys ein No-Go für Dich?

Sabrina: Natürlich nicht. Sicherlich braucht es nicht das Überangebot, das es derzeit in den Läden gibt. Außerdem muss man wissen, dass ein Gläschen immer zu wenig Fett liefert und man noch selbst etwas Oliven- oder Rapsöl oder Butter zugeben sollte. Wobei ich ehrlich bin: Meine Jungs waren nie Brei-Esser, und das obwohl ich hochmotiviert bis in die Haarspitzen zu Beginn selbst Brei gekocht habe. Selbst wenn wir unterwegs waren. Damit habe ich aber schnell wieder aufgehört: Sie haben lieber angefangen, die Nudeln im Teller zu verschieben, die Kartoffelstücke in den Händen zu vermatschen, kleine Erbsen mit Pinzettengriff in den Mund zu bugsieren oder an Gurkenstückchen oder gedünsteten Karottenstückchen zu lutschen. Das verschaffte mir glücklicherweise Kinder, die mit knapp neun oder zehn Monaten schon glücklich und fast selbst essend mit am Tisch saßen! Zum Glück hatten wir in der Zeit einen Hund, der den Boden dann immer wieder säuberte. (lacht)

SCHWABEN-MOM: Viele Mütter kämpfen lange nach Schwangerschaft und Geburt mit den letzten drei bis fünf Kilo Babyspeck. Wie bekommt man den weg ohne mühsame Diäten?

Sabrina: Für mich stellt sich eher immer die Frage: Warum ist der Druck so groß geworden, NACH einer Schwangerschaft unbedingt wieder genauso oder am besten noch weniger zu wiegen als VOR der Schwangerschaft? Die hormonelle Umstellung ist ein Wunder, du hast einem Baby auf die Welt geholfen und dein Becken, das werden die meisten Mütter sicherlich bestätigen können, wird nie wieder ganz so schmal wie vorher. Vielleicht hast du ein paar Schwangerschaftsstreifen, und dein kleiner Speckring am Bauch verschwindet nie wieder ganz, aber frage dich mal ganz ehrlich: Ist es das nicht wert, wenn du dein kleines Wunder anschaust, das im Bett liegt und selig schläft?

Natürlich kann man drauf achten, nicht ständig noch was zwischendurch zu essen. Nicht immer den Rest der Kinder aufzuessen, sich selbst nicht nur mit der Schokolade und den Gummibärchen am Abend was Gutes zu gönnen, sondern sich auch Auszeiten zu nehmen. Nicht bei jedem Mami-Treff einen Kuchen und bei jedem Spielplatz-Besuch eine Brezel zu essen, aber letztlich zählt nur eines: Dein Kind liebt Dich, egal ob mit oder ohne Bauch, und wenn Du zufrieden bist mit Dir, Deinem Leben und Deiner Partnerschaft und dann noch ein bisschen auf eine stoffwechselgesunde ausgewogene Ernährung achtest, die Dich satt macht und gut versorgt, wirst du automatisch zu Deinem Wohlfühlgewicht kommen!

Akzeptiere dabei aber, dass nicht jeder Körper gleich ist und manche eben leichter abnehmen als andere oder vielleicht auch gleich nach der Geburt schon wieder ganz schlank aussehen. Das hat aber nichts damit zu tun, dass Du etwas falsch machst, sondern wird auch mit durch die Gene beeinflusst. Daher mach bitte keine Diät, denn Diäten machen nicht schlank, sondern dick und unglücklich.

Und wenn Du hierzu Hilfe brauchst, darfst Du gerne in meinen Kurs kommen oder Dich bei mir wegen einer Einzelberatung melden, damit wir ganz individuell schauen, wie Du zu Deiner Wohlfühlfigur kommst.

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SCHWABEN-MOM: Seit wann bist Du selbstständig? Und wie bist Du auf die Idee gekommen, Genusscoaching anzubieten?

Sabrina: Ich bin seit 2003 teilselbständig gewesen, seit 2008 bin ich es komplett. Dass ich Ernährungswissenschaft studieren wollte, war für mich klar, seit ich im Leistungssport aktiv war und gemerkt habe, wie wichtig dazu auch eine gute Ernährung ist und wie viel Spaß es mir machte, mich damit zu beschäftigen. Allerdings habe ich dieses ganze Kasteien, Diäten, Hungern und Punkte zählen noch nie verstanden und vor allem nicht für sinnvoll befunden. Ich habe dann schnell einen anderen Weg gesucht, der meine Klienten und Kursteilnehmer zum Ziel bringt. Dazu gehört eine natürliche, einfache, alltagstaugliche und nicht eine perfekte Ernährung. Essen ohne viel Schnickschnack, das familien- und jobtauglich ist, so dass ich auch mal zur Dönerbude gehen kann oder mir ein Eis gönne und das auch genießen kann, das muss alles drin sein. Zusätzlich habe ich schnell erkannt, dass auch die Psyche oft eine wichtige Rolle spielt. Wenn ich zwar weiß, dass die abendliche Schokolade in der Menge nicht gut ist, aber ich sie trotzdem esse, bringt es nichts, wenn die Ernährungsberaterin sagt: „Du sollst abends die Schokolade weglassen!“.

Wenn wir anstelle dessen gemeinsam auf die Suche gehen und verstehen „wozu“ Du die Schokolade isst, dann können wir hierfür eine Lösung suchen. Der Firmenname „essbar – das genusscoaching“ fiel mir dann während einer Ayurveda-Massage ein, die Karotte in meinem Logo verkörpert für mich alles, was schlaue Ernährung ausmacht: natürlich, einfach, regional und ohne großen Schnickschnack.

SCHWABEN-MOM: Wie vereinbarst Du Deinen Job mit Deiner Familie?

Sabrina: Ich habe einen bestimmten Rahmen, in dem ich meine Termine legen kann, wobei der natürlich bei Firmenanfragen oder auch abendlichen Vorträgen manchmal schwer einzuhalten ist.
Ich habe mir persönlich eine Maximalanzahl an Abweichungen vom Normalplan gesetzt, das bedeutet maximal zwei Abendtermine und maximal einmal pro Woche eine sonstige Abweichung am Morgen oder Nachmittag. Für diese möglichst wenigen Fälle habe ich einen tollen Freund, der mich supertoll unterstützt und die Kinder dann auch holt oder auch mal in die Schule und in den Kindergarten bringt, wenn ich früh los muss. Außerdem habe ich glücklicherweise über die Jahre ein gutes Freundinnen- und Mama-Netzwerk aufgebaut, sodass man sich einander auch bei Krankheit und sonstigen Unwägbarkeiten, die ein Leben mit Kind mit sich bringt, aushelfen kann, ohne ständig ein schlechtes Gewissen zu haben, weil es sich ja immer wieder ausgleicht.

Da mein Beruf so Spaß macht und eher eine Berufung ist, muss ich mich auch manchmal selbst von der Arbeit wegreißen, daher bin ich jetzt privat, nach Vorschlag meines Freundes, zum Teilzeitperfektionismus übergegangen. Das macht das Leben stressfreier und man kann die freie Zeit auch genießen. (lacht)

SCHWABEN-MOM: Was machst Du, wenn mal nur Zeit für Dich ist?

Sabrina: Ich gehe gerne joggen, schwimmen oder Rad fahren, meistens kann ich eher durch Aktivität entspannen, als einfach ruhig hinzusitzen. Das kann ich nur, wenn ich mal zur Massage gehe, am liebsten Ayurveda-Massage oder Lomi-Lomi (Anm. Reaktion: traditionelle hawaiianische Massage).

Am allerliebsten verbringe ich meine freie Zeit gemeinsam mit meinem Freund. Er ist mein Ruhepol. Gern treffe ich mich natürlich auch mal mit Freunden zu einer Tasse Tee. Und wenn richtig viel Zeit ist, dann lese ich super gerne.

SCHWABEN-MOM: Was ist Dein Lieblingsplatz in der Region mit Deiner Familie?

Sabrina: Wenn wir Zeit zusammen haben, ist es fast egal was wir machen, dann genießen wir einfach den Tag ohne Termine und Zeitdruck. Gerne gehen wir in die Kletterhalle oder einfach raus, basteln was, kochen oder backen was oder spielen etwas. Zusätzlich haben wir uns nun einen Jahrgarten zugelegt, eine bepflanzte Parzelle mit Bio-Gemüse, das wird wohl diesen Sommer auch ein neuer Lieblingsplatz von uns. Wer uns da treffen mag, kann sich unter www.jahrgarten.eu informieren.

Da wir außerdem frisch umgezogen sind, genießen wir gerade das Ankommen im neuen Heim.

 SCHWABEN-MOM: Was ist für Dich das Schönste am Mamasein?

Sabrina: Das Schönste ist, mit den Kindern im Arm auf dem Sofa oder im Bett zu liegen und zu wissen, dass sie einen genau so lieben wie man sie auch liebt, und das von beiden Seiten völlig bedingungslos!
Ich finde das ist das schönste und wertvollste Gefühl auf der Welt und ich könnte dann manchmal fast platzen vor Glück!

Weitere Infos:

www.ess-bar-das.de

Foto: essbar – das genusscoaching