Gehirntraining statt Ritalin – wie Neurofeedback bei AD(H)S helfen kann / Interview mit einer Stuttgarter Ergotherapeutin

Gehirntraining statt Ritalin – wie Neurofeedback bei AD(H)S helfen kann / Interview mit einer Stuttgarter Ergotherapeutin

Immer mehr Kinder bekommen heute die Diagnose ADS oder ADHS. Schnell wird dann zum Rezept gegriffen und Ritalin verschrieben. Ein Arzneistoff, der betäubungsmittelrechtlichen Vorschriften unterliegt und viele Nebenwirkungen hat. Neurofeedback – eine Art Gehirntraining ganz ohne Nebenwirkungen – kann eine echte Alternative zu Ritalin sein. Und: Es macht den Kindern sogar Spaß! Am Computer lernen sie beim Spielen oder Filme schauen, sich zu konzentrieren und nicht in sogenannte Tagträume abzudriften. Mit Hilfe eines sogenannten Elektro-Enzephalogramm (EEG) werden während des Trainings die Gehirnströme gemessen und mit einem Computer verbunden. Ist die Konzentration weg, wird der Film beispielsweise unterbrochen. So lernen die Kinder, wie sie sich fokussieren können. SCHWABEN-MOM hat mit Ergotherapeutin Patricia Willikonksky über Neurofeedback gesprochen. Sie bietet dieses Training in ihrem Fon-Institut in Stuttgart-Degerloch schon seit fünf Jahren an.

SCHWABEN-MOM: Was genau ist Neurofeedback?

Patricia Willikonsky: Neurofeedback ist eine Lernmethode. Die Basis ist die Verhaltenstherapie – das sogenannte operante Konditionieren. Das bedeutet, dass ein Verhalten durch angenehme oder unangenehme Konsequenzen nachhaltig verändert wird. Es gibt bestimmte Frequenzareale in unserem Gehirn, die das Kind bewusst steuern soll und die dem Kind durch das Training bewusst gemacht werden. Das Ziel ist also eine Frequenzveränderung. Diese Frequenzen werden entweder reduziert oder erhöht. Im Falle von ADHS muss beispielsweise die sogenannte sensomotorische Ruhe (SMR) erhöht werden und die Tagträume (Theta) müssen reduziert werden.

Eine gewünschte Veränderung wird mittels der Rückmeldung (Feedback) „belohnt“ – eine unerwünschte Veränderung wird „bestraft“. Diese Belohnungen beziehungsweise „Bestrafungen“ erfolgen durch ein Computerprogramm. Das kann zum Beispiel durch Anschauen eines Films geschehen, der bei einer unerwünschten Frequenzveränderung zum Stehen kommt, also „Bestrafung“ und bei einer erwünschten Veränderung weiterläuft, sprich „Belohnung“. Da das Kind den dringlichen Wunsch hat den Film weiterzusehen, kommt es zu einer Verhaltensveränderung und das Kind lernt, wie es sich fühlt, wenn es sich in dem Zustand der gewünschten Aufmerksamkeit befindet.

SCHWABEN-MOM: Wie kann Neurofeedback Kindern mit AD(H)S helfen? Was sind Ihre Erfahrungen?

Patricia Willikonsky: Wie oben beschrieben verändert das Kind sein Verhalten durch die Frequenzveränderung im Gehirn. Binnen spätestens zehn Einheiten können Verhaltensänderungen auch im Alltag festgestellt werden. Die Kinder haben große Freude am Training. Das Medium Computer motiviert sehr und die Kinder dürfen sich selbst einen Film aussuchen. Das Training wird Zuhause in Form von Übungskarten, die die Abbildungen des Computerbildschirms in einer konzentrierten Phase zeigen, weitergeführt. Beim Ansehen dieser Karte reagiert das Gehirn sofort und schaltet in den Zustand der Konzentration.

Die Kinder lernen im Rahmen des Neurofeedbacktrainings zum Beispiel sich im Alltag gezielt zu konzentrieren, äußere Störreize zu filtern, Tagträume zu reduzieren, dem Unterrichtsgeschehen ausdauernd zu folgen, Unwesentliches auszublenden und sich auf Wesentliches zu konzentrieren.

Häufig kann es sinnvoll sein, weitere Strategien zum Beispiel in Form von Ergotherapie kombiniert zum Neurofeedbacktraining zu erarbeiten.

SCHWABEN-MOM: Kann Neurofeedback Ritalin ersetzen?

Patricia Willikonsky: Das Ziel ist es natürlich Medikation zu verhindern, oder die Medikation langsam ausschleichen zu lassen. Das Neurofeedbacktraining ist eine große Chance das Medikament zu ersetzen. In der Regel kommt ein Kind mit ADHS etwa sechzig Einheiten á 60 Minuten zu uns in die Praxis. Danach werden jedoch immer wieder einzelne Sitzungen zur Stabilisierung, Automatisierung und Auffrischung durchgeführt.

SCHWABEN-MOM: Die Kosten für Neurofeedback werden noch nicht von der Krankenkasse übernommen. Wie lange dauert eine Behandlung und was kostet die Therapie für die Eltern?

Patricia Willikonsky: Im Rahmen einer ergotherapeutischen Behandlung kann ein Neurofeedbacktraining auch auf Rezept durchgeführt werden. Es ist mit etwa 60 Einheiten mit einer Frequenz von bis zu zwei Einheiten in der Woche zu rechnen. Danach werden nur noch sporadisch einzelnen Sitzungen durchgeführt. Auf Selbstzahlerbasis kostet bei uns eine Einheit etwa 60 Euro für 60 Minuten.

SCHWABEN-MOM: Viele Mütter haben das Gefühl, dass mittlerweile bei (zu) vielen Kindern AD(H)S diagnostiziert wird. Ist das eine Modeerscheinung, oder wie erklären Sie sich dieses Phänomen?

Patricia Willikonsky: Bereits im 19. Jahrhundert beschrieb ein Nervenarzt die Phänomene ADS und ADHS in Form des „Zappelphilipps“ und des „Hans guck in die Lufts“. Das Phänomen gibt es also schon sehr lange. Meiner Meinung nach wird jedoch häufig zu schnell auf eine Diagnose zurückgegriffen und die Kinder werden schnell in eine Schublade gesteckt. Auch die Eltern können voreiligen Diagnosestellungen entgegenwirken und Aussagen hinterfragen.

Patricia Willikonsky

Patricia Willikonsky, Ergotherapeutin, FON Institut Willikonsky

Weitere Infos:

www.foninstitut.de

Foto oben (Titelbild): © Sangoiri / fotolia.com

Foto Porträt: privat