Wo ist sie eigentlich – die gute, alte Langeweile?

Wo ist sie eigentlich – die gute, alte Langeweile?

Ich möchte heute einmal ein Plädoyer für die gute, alte Langeweile schreiben. Es scheint so, als ob sie ausgestorben sei, irgendwo verschwunden zwischen Ballett, Klavier, Selbstverteidigungskurs und digitalen Daddelgeräten. Die Kinder haben einen Terminkalender der voller ist, als der von uns Erwachsenen. Nach der Ganztagsschule oder ganztägigen Kinderbetreuung geht es direkt zur musikalischen Früherziehung, zur Ergotherapie oder zur Sportaktivität. Jede freie Minute muss gefüllt werden mit Events, Action oder Bildungsförderung. Wir Eltern werden zu Eventmanagern und Entertainern, das Kinderleben wird zum Hamsterrad.

Dabei ist bekannt: Langeweile ist die Triebfeder für Kreativität! Sie hilft, die eigenen Interessen und Fähigkeiten überhaupt wahrzunehmen, sich selbst zu spüren und kennenzulernen. Viele Kinder und Jugendliche, die nichts mit sich anzufangen wissen, haben nie gelernt, sich einfach mal zu langweilen.

Wenn ich die Kinder in Bahn und Bus beobachte frage ich mich immer: Wo sind die Kinder, die verträumt aus den Fenster schauen und dabei ganz bei sich sind? Ich habe es als Kind geliebt, aus dem Fenster zu gucken, ganz kontemplativ zu beobachten, wie alles an einem vorbeizieht, wie die Bahn die Wolken überholt. Heute schauen die Kinder die ganze Zeit auf ihre Handys – Reize satt.

Und wir Erwachsenen sehnen uns doch selbst so nach ruhigen Tagen, an denen der Kalender leer ist, an denen nichts zu tun ist. Das Handy weder klingelt noch piept. Einfach mal die Seele baumeln lassen, das tun, was einem spontan gut tut.

Nur warum halten wir das bei unseren Kindern nicht aus? Warum muss es immer mehr sein, statt weniger? Haben wir Angst, dass unsere Kinder den Anschluss in unserer Leistungsgesellschaft verpassen? Stopfen wir jede freie Minute voll, um unser Gewissen zu beruhigen? Können wir keine nörgelnden, gelangweilten Kinder aushalten? Oder haben wir die gute, alte Langeweile mittlerweile zwischen permanenter WhatsApp-Bespielung, Job und Familie selber verlernt?

Es gibt eine neue Bewegung, die sich „Slow-Parenting“ nennt. Es geht um achtsame Erziehung – weit weg vom Eltern-Leistungswettbewerb. Um Reduzierung und um die Frage: Was ist wirklich wichtig für mein Kind? Was benötigt mein Kind für ein gesundes Selbstvertrauen? Und es geht um Entschleunigung, um die Welt in Ruhe entdecken zu können. Denn es gibt so viel zu entdecken jenseits von Nintendo und moderiertem Freizeitprogramm. Also: weniger ist mehr.

Aber dafür müssen wir Eltern auch gute Vorbilder sein: Das Handy mal liegen lassen, den Fernseher ausschalten und einfach mal Zeit haben – für das Nichtstun, für das Warten, wenn das Kind auf der Straße gerade die Welt entdeckt.

Ein Hoch auf die Langeweile und auf den Müßiggang, damit unsere Kinder eine zufriedene und entspannte Kindheit genießen können – so wie dieser kleine Junge.

 

SCHWABEN-MOM-Bloggerin Annika schreibt unter Pseudonym über ihre Gedanken, Sorgen, Freuden und ihren Ärger im alltäglichen Mutter-Dasein in der SCHWABEN-MOM-Kolumne. Sie lebt mit ihren beiden Söhnen in Stuttgart.

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