FamliyLab-Trainerin Susanne: „Ich mache täglich gefühlte hundert Fehler und bin nicht stolz darauf“

FamliyLab-Trainerin Susanne: „Ich mache täglich gefühlte hundert Fehler und bin nicht stolz darauf“

Susanne Sonnleitner schreibt regelmäßig Kolumnen für SCHWABEN-MOM mit wertvollen Anregungen und Lösungen für den – nicht immer ganz einfachen Alltag – mit den Kindern. Sie ist Familienpflegerin, Mediatorin und arbeitet als Coach und zertifizierte FamilyLab Seminarleiterin. FamilyLab ist eine Familienwerkstatt, die von dem bekannten dänischen Bestsellerautor und Familientherapeut Jesper Juul gegründet wurde.

Die 47-Jährige lebt mit ihrem Mann und ihren vier Kindern in der Nähe von Schwäbisch Hall auf einem alten Bauernhof. Zwei ihrer Kinder hat sie als Pflegekinder in ihre Familie aufgenommen. Wir sind sehr glücklich, Susanne zu kennen. Ihre Sichtweise auf Familie ist so ehrlich, authentisch und entspannt. Sie sagt: „Es geht heute nicht mehr um Erziehung, es geht um Beziehung.“

Susanne bietet Seminare und Coaching an und kann auch für Vorträge gebucht werden.

Im SCHWABEN-MOM-Interview erzählt sie, was wir von ihr lernen können, was sie für eine Mutter ist und warum Familie heute eigentlich so schwierig ist.

SCHWABEN-MOM: Du arbeitest als Coach und FamilyLab-Trainerin. Erzähl uns genau, was Du machst und was wir von Dir lernen können.

Susanne: Im Coaching begleite ich Menschen für eine bestimmte Zeit in ihrem Leben mit Blick auf ihre gewählte Themen und Ziele. Als FamilyLab-Trainerin biete ich Hilfestellung für Familien, die an der Umsetzung von Jesper Juuls und anderen Ansätzen interessiert sind. Für Familien, die bemerken, dass sie so nie sein wollten, für Familien, die zu zerbrechen drohen, für Familien, deren Kinder sich auflehnen.

Was man von mir lernen kann? Ich denke, heute geht es nicht mehr um Erziehung im Verständnis der vergangenen siebzig Jahre. Es geht um Beziehung. Durch die rasante Entwicklung unserer Zeit ist der Mensch ein wenig auf der Strecke geblieben. Wir lernen ultraviel und haben massenhaft Wissen zusammengetragen und angehäuft. Wir lernen aber viel zu wenig, wie Leben geht, wie Beziehung geht, wie Konflikt geht, wie gutes Miteinander geht, wie wir Ängste meistern, wie wir Hürden im Leben nehmen, wie wir uns und andere ernst nehmen, wie wir mit Anderssein umgehen.

Da gib es kein Rezept. Es ist erforderlich zu lernen, sich selbst, seinen Nächsten und die Situation wahrzunehmen, und aus diesen Zutaten ein – für alle – würdiges Gemeinsames zu gestalten. Wie das geht, dazu kann ich etwas zur Verfügung stellen.

SCHWABEN-MOM: Was bietest Du konkret an – welche Seminare, Einzel-oder Familiencoachings? Kann man Dich auch für eine Veranstaltung buchen?

Susanne: Ich biete seit beinahe zwanzig Jahren Coaching in den Bereichen Kommunikation, Krisenmanagement, Persönlichkeitsentwicklung und Lebensbegleitung an. Als FamilyLab-Trainerin biete ich Einzelberatung für Hilfesuchende an, persönlich, aber auch telefonisch, per Skype oder auch per Mail.

Und ich biete Seminare für Eltern an und in der Folge Supervisionsmöglichkeiten.

Das nächste findet beispielsweise am 3.und 4. Juni 2016 in Steinheim an der Murr statt. Aktuelle Daten gib es unter www.sonnleitner.eu

Gerne komme ich auch zu einer Interessengemeinschaft, in eine Einrichtung oder zu einer Veranstaltung und halte Vorträge.

SCHWABEN-MOM: Du hast beim FamilyLab eine Ausbildung zur Trainerin gemacht. FamilyLab wurde von dem dänischen Familientherapeuten und Bestseller-Autor Jesper Juul ins Leben gerufen. Was ist für Dich das Besondere an Jesper Juuls Haltung?

Susanne: Im Coaching komme ich mit meinen Klienten immer wieder an schmerzhafte Punkte aus der Kindheit. Diese Verletzungen sind lebensprägend und so nachhaltig, dass wir uns von unserer Kindheit quasi nie erholen. Dazu muss sie gar nicht dramatisch gewesen sein. Dort werden einfach Weichen gestellt. Jesper Juul fasst Themen zusammen, die sich einfach nahtlos an meine Erfahrung in der Arbeit mit Menschen anschließen. Kinder zu haben ist eine große Herausforderung und eine Einladung zu Entwicklung. Das bringt Juul auf den Punkt. Ohne Fachchinesisch, ohne Schnörkel, sehr klar, verständlich und umsetzbar.

Er hat keine Methode, kein Raster, keinen Trend, keine Mode durch die wir nun uns und unsere Kinder zwängen. Er hebt keinen moralischen Zeigefinger, er bringt ein paar existenzielle Notwendigkeiten zwischen Menschen auf den Punkt. Das Leben ist simpel, das mag ich, und ich sage nicht, dass es einfach ist.

SCHWABEN-MOM: Warum ist „Familie sein“ eigentlich heute so schwierig?

Susanne: Ja, da gibt es viele Faktoren. Ich denke, zum einen fehlen uns Eltern verlässliche Vorbilder, gelebte Modelle, die Orientierung bieten. Zum anderen sind wir erschlagen von einer Flut von total unterschiedlichen Möglichkeiten. Hier zu wählen ist wirklich anspruchsvoll.

Eine weitere Herausforderung ist die Motivation, mit der heute Kinder in die Welt gesetzt werden. Heute muss niemand Kinder haben. Wenn man Kinder hat, war das eine mehr oder weniger bewusste Entscheidung. Das geht immer mit vielen Vorstellungen einher, die entstehen aus der eigenen Kindheit, aus den eigenen Wunden, aus den Medien, durch die Kultur in der wir leben, aus egoistischen Motiven, aus narzisstischem Antrieb. Da gibt es sehr viele Komponenten, die eine Rolle spielen.

Wenn das Kind dann da ist, stellt man oft entsetzt fest, dass die Theorie und die Praxis so gar nichts miteinander zu tun haben, und dann wird es oft schwierig. Das Kind ist halt nicht so, wie ich mir das vorstelle, es ist es selbst.

Wenn sich mein menschliches Repertoire dann nicht schnell weiter entwickelt, wird es oft zäh, frustrierend, schwer, traurig und unbeschreiblich anstrengend. Das Problem ist, dass man das ja nicht laut sagen darf. Denn in keinem anderen Lebensbereich wird „Können“ so selbstverständlich vorausgesetzt wie in der Familie.

„Wie ihr habt Probleme?“ „ Bei uns ist alles toll!“ Woher bitte, soll man das denn so automatisch können? Es gibt für alles die Erfordernis von Qualifikationen. In der Erziehung nicht. Da gibt es Hunderte von Ratgebern. Doch wir wollen nicht mit „Rat erschlagen“, sondern zu erst einmal verstanden, gesehen und begleitet werden. Jeder von uns, von der ersten Minuten unseres Lebens an. Und da die wenigsten von uns das selbst erlebt haben, fehlt uns diese Fähigkeit, die Erfahrung. Wie sollten wir das also weitergeben können?

SCHWABEN-MOM: Wir machen alle Fehler, aber gibt es aus Deiner Sicht so etwas wie die typischen „Eltern-Stolperfallen“?

Susanne: Ein Teil ergibt sich aus der letzten Antwort. Aus meiner Sicht ist die fehlende Überprüfung meiner Erwartungen, an mich als Elternteil, an meinen Partner, an das Kind das Hauptproblem. Bedauerlicherweise liegen diese Erwartungen ganz oft völlig im Verborgenen, im Unbewussten, das läuft einfach unterschwellig ab. Werden die Erwartungen, die Ideen, „wie es sein soll“, nicht erfüllt, dann knirscht es. Dann werden wir unzufrieden, genervt, aggressiv und unfair. Dann geht es keinem mehr gut.

SCHWABEN-MOM: Du selbst hast vier Kinder, zwei davon sind Pflegekinder. Ihr seid also eine sehr bunte Familie. Was ist für Dich als Mutter das Wichtigste in der Beziehung zu Deinen Kindern? Was bist Du für eine Mutter?

Susanne: Oh, das müssten wir wahrscheinlich besser unsere Kinder fragen. Heiße Frage (lacht). Wie Du schon sagst, sind wir ein sehr lebendiger Haufen. Wir lachen viel und streiten uns. Ich bin eine sehr impulsive Mutter, da wird es auch mal laut. Ich mache täglich gefühlte hundert Fehler und ich bin nicht stolz darauf. Ich bin unfair, verletzend, höre oft nicht zu, bin häufig überfordert mit der Komplexität meines Alltags, manage meine Zeit schlecht. Ich bin manchmal müde, erschöpft und habe die Nase so richtig voll, von allem hier. Gelichzeitig bin ich ein ganz passables Vorbild, in Konflikten bleibe ich da und gehe nicht weg. Ich akzeptiere die Persönlichkeit  jedes unserer Kinder mit allem was im Paket daher kommt. Auch wenn es mich manchmal all meine Kraft kostet und massiv mit meiner Idee, „wie es sein sollte“, kollidiert.

Was ich glaube, verstanden zu haben ist: Ich bin ich, mit Licht und Schatten. Ich kann nicht aus meiner Haut und damit bin ich ehrlich, das ist echt. Meine Kinder wissen, mit wem sie es zu tun haben, und da können sie sich drauf verlassen. Ich spiele nicht Eltern, und ich weiß oft überhaupt nicht, wie es geht. Aber wir schauen dann, wie wir einen gemeinsamen Weg finden. Manchmal ist es ein tränenreicher, manchmal ein wütender, manchmal ein enttäuschender, manchmal ein witziger oder unkonventioneller. Ich bin jedoch immer bemüht, dass es unser Weg ist mit dem Leben umzugehen. In den Kleinigkeiten und in der Größe des Lebens.

SCHWABEN-MOM: Pflegekinder groß zu ziehen, die schon mit einer Biografie in die Familie kommen, ist sicher eine große Herausforderung. Was hast Du von Deinen Pflegekindern gelernt?

Susanne: Eben genau das: Dass ich nicht weiß, wie es geht! Ich weiß nicht, wie es ist, wenn man nicht lernen durfte, dem Leben zu vertrauen, ganz jung schon auf sich allein gestellt ist, weil die Erwachsenen versagt haben. Das bedeutet: Ich muss hinhören, wie es in der Haut von jemand anderem ist, wie sie sich fühlt mit bestimmten Dingen, was bedrohlich ist, was die Überlebensstrategien sind. Und ich muss versuchen, das zu verstehen. Das habe ich gelernt, und da spielt es keine Rolle, ob ein Kind Pflegekind ist. Das hat etwas mit Respekt vor einer anderen Person zu tun. Ich kann bei meinem leiblichen Kind auch nicht wissen, wie sich das anfühlt. Also muss ich mich interessieren, fragen, hinhören. Genau wie bei meinem Partner.

SCHWABEN-MOM: Familienpflegerin, Coach, Mama – wie kannst Du entspannen? Wann ist Zeit nur für Dich?

Susanne: Das ist meine Königsdisziplin, da hat es reichlich Potenzial nach oben (lacht). Ich habe sehr regelmäßig und konsequent Zwiegespräche mit meinem Mann und mit ein paar sehr guten Freunden – das ist Seelenhygiene.

Meine entspannte Zeit ist frühmorgens, wenn alle noch schlafen, sonntags. Da freue ich mich, wenn ich mich nochmal umdrehen kann, kein Wecker klingelt. Beim Umdrehen kann es sein, dass da ein kleines Menschlein neben mir liegt und gleich was vorgelesen haben will. Tja, das war es dann mit der Mußestunde.

Deshalb sorge ich regelmäßig für Auszeiten. Das heißt:  Ich fahre alleine weg, tue etwas für mich, lade meine Akkus auf. Ich lese total gern, das entspannt mich. Ich singe leidenschaftlich gerne und hatte viele Jahre Gesangsunterricht. Ich gehe einen Kaffee trinken, je nach Zeit und gern auch allein. Filzen entspannt mich total. Ein bis zweimal im Jahr besuche ich ein gutes Seminar, mindestens ein Wochenende, lieber eine ganze Woche.

Oder wir gehen alle ins Erlebnisbad. Dann klinke ich mich für zwei Stunden aus in die Sauna.

Ich habe gelernt, dass es mehr um die Haltung geht, mit der ich Dinge für mich tue, als die eigentliche Aktion. Wenn mir klar ist: Das tue ich für mich. Das fühlt sich sehr wertschätzend mir gegenüber an und das tut gut.

SCHWABEN-MOM: Wo seid Ihr als Familie gerne unterwegs? Habt Ihr einen Lieblingsort im Ländle?

Susanne: Wir machen gerne Ausflüge – oft mit Picknick. Wir fahren ins blühende Barock nach Ludwigsburg, ins Eins und Alles nach Welzheim, in den Wald, zu einem schönen Spielplatz, ins Schenkenseebad nach Schwäbisch Hall oder ins Technik-Museum nach Sinsheim.

Nun haben wir ja einen Bauernhof gekauft, mit richtig viel Platz und richtig viel zu tun (lacht).

Wir lieben es im Garten zu werkeln, ein Feuerchen zu machen. Jeder macht, wozu er Lust hat: sonnen, auf den Baum klettern, lesen, Radfahren, auf dem Trampolin hüpfen. Das ist so ohne Fokus oder Ziel. Da geht es um nichts. Das hat für mich eine große Qualität, das macht mich glücklich, so macht Familie Freude.

SCHWABEN-MOM: Was ist für Dich das Schönste am Mamasein?

Susanne: Zu sehen, wer die Kinder sind – alle, auch die mit dem ungünstigen Start. Welche guten Qualitäten sie in sich haben, wenn sie mein Vorgelebtes annehmen und zu ihrem machen, es verbessern, meinen Werten ihre Farbe geben.

Wenn meine Kinder draußen in der Welt bestehen. Wenn sie das, was sie hier Zuhause geübt haben, oft auf beeindruckende Weise in ihr Leben bringen. Das nährt mich, da sehe ich das Gold, das jeder in sich trägt.

Weitere Infos:

www.sonnleitner.eu

Foto: privat