Von Wolle-Seide-Stilleinlagen und Plazenta-Kügelchen: Wie ich zur Öko-Mutter wurde

Von Wolle-Seide-Stilleinlagen und Plazenta-Kügelchen: Wie ich zur Öko-Mutter wurde

Wir freuen uns über eine tolle Gastkolumne von einer echten Öko-Mama. Laura lebt mit Mann und drei Kindern (fünf, drei und null Jahre alt) in der Nähe von Stuttgart. Sie ist freie Texterin und Journalistin und kann auch privat das Schreiben nicht lassen. Deshalb schreibt sie spontan für SCHWABEN-MOM über die Verwandlung einer Mutter – sprich ihrer eigenen Verwandlung. Und: Auf ihrem Blog „Heute ist Musik“ schreibt sie regelmäßig Kolumnen und stärkt die Lachmuskeln vieler Eltern. Sie berichtet aus dem turbulenten Alltag mit ihrer Rasselbande, der manchmal nur mit ausreichend Humor zu meistern ist.

Von Laura

Lang ist es her, da ging ich naiv durch die Gänge meines Lieblingsdrogeriemarktes, packte hier eine Creme, da einen Lidschatten ein, kaufte ein bestimmtes Deo und schmiss noch das günstigste Waschmittel in den Einkaufswagen. Heute sieht der Einkauf anders aus: mit Hilfe einer App untersuche ich jedes Tübchen auf hormonelle Stoffe, scanne dazu den Code ein und schmeiße die Ware schnell zurück, wenn die App Alarm schlägt. Ich weiß genau, welche einzelnen Sauereien hinter den schwer auszusprechenden Inhaltsstoffen stecken und warum Parabene vom Teufel persönlich fabriziert wurden. Wie es dazu kam? Nun ja, ich wurde Mutter.

Die Verwandlung einer Mutter

Meine Verwandlung zum Inhaltsstoff-Streber begann im Geburtsvorbereitungskurs. Eine Hebamme, die keinen Widerspruch duldete, empfing uns Erstgebärende und predigte unter dem Motto Natur pur von Großmutters Hausmittelchen und hautfreundlicher Baby-Ausstattung. Sie erzählte, wie man aus der Nachgeburt wertvolles Globuli herstellen kann und welche Schäden fluoridhaltige Tabletten für das Kind haben würden. Bis dahin wusste ich nichts von Wolle-Seide-Bodys und harmonischem Bio-Duftöl für die Babymassage. Und ich hatte diese kratzig anmutenden Öko-Lappen, die als Stilleinlagen dienen sollten, nie zuvor gesehen und hielt sie beim ersten Anblick für die Schulterpolster einer Waldorfschullehrerin.

Nach weiteren Ausführungen über die Gefahr von Feuchttüchern und die eindringliche Warnung vor den menschlichen Eingriffen in Mutter Natur, verließ ich die Hebammenpraxis mit völlig neuen Ansichten und Ideen. Bisher hatte ich hinter dem Wort Globuli einen Begriff aus der Weltraumforschung vermutet, denn meine Mutter hatte in meiner Kindheit auf Fieberzäpfchen und Hustensaft gesetzt, ohne mir im Übrigen damit zu schaden. Feuchttücher und Einwegstilleinlagen hatte ich natürlich längst angeschafft. Klar, dass ich das Risiko von entzündeten Babypos, Giftstoffen auf dem Allerwertesten meines Ungeborenen und wunden Brustwarzen nicht eingehen wollte und dieses Teufelszeug gleich weiter verschenkte.

Ich traf mich mit einer schwangeren Freundin, die schon das zweite Kind erwartete, und berichtete ihr von meinen neuen Erkenntnissen und dem weitreichenden Schaden, den wir unseren Babys mit nassen Tüchern aus der Plastikverpackung antaten. Ich pries Wolle-Seide-Bodys und erzählte von der wohltuenden Wirkung verschiedenster ätherischer Öle, die sowohl Müdigkeit, Baby-Blues als auch schlechte Laune auf naturheilkundliche Weise kurieren könnten. Meine Freundin schaute mich ungläubig an, schüttelte den Kopf und prophezeite mir, dass ich den Vorteil von Feuchttüchern noch zu schätzen lernen und die Wolle-Seide-Lappen schnell entsorgen würde, denn die muffelten schnell und das ständige Aufbereiten von heißem Wasser zum Wickeln wäre mit einem Säugling sowieso zeitlich nicht drin.

Trotz ihrer Warnungen machte ich anfangs alles auf die Öko-Schiene, blätterte durch die Stiftung Warentest-Zeitschriften auf der Suche nach schadstofffreien Wickelunterlagen und informierte mich über umweltfreundliche Windelalternativen. Ich besuchte das erste Mal in meinem Leben ein Reformhaus, installierte die Anti-Gift-App auf meinem Handy und bereitete mich auf ein schonendes, gesünderes und ökologisches Leben mit Kind vor.

Die Realität holt mich ein

Dann wurde ich eines Besseren belehrt. So wie ich mir vornahm, die Geburt ohne Schmerzmittel zu überstehen und eineinhalb Jahre zu stillen, scheiterten auch viele meiner neuen Ideen. Manches erwies sich für mich als nicht machbar und unnötig kompliziert. Einiges kamen mir im Nachhinein selbst übertrieben vor, und meine Angst vor Giftstoffen reduzierte sich auf ein erträgliches Maß.

Aber auch jetzt, nachdem das dritte Kind in unserer Wiege auf einer unbelasteten Matratze liegen darf, habe ich ein paar alternative Methoden beibehalten. Mit Kindern wird das Leben noch wertvoller, als es ohnehin schon ist, und so gehe ich mit uns allen achtsamer und schonender um, sogar mit mir selbst. Ich achte, seitdem ich Mutter bin, auf Inhaltstoffe in Kleidung, Getränken und Cremes. Ich kaufe Naturkosmetik, inspiziere die Zusätze in Deos und Kinderduschgels, kaufe umweltfreundliches Waschmittel und ziehe Bio-Gemüse vor. Meine Kinder tragen meist gebrauchte Kleidung, aus denen die Schadstoffe hoffentlich rausgewaschen wurden, und ich verbanne Spielzeug, das Weichmacher enthält, aus dem Kinderzimmer. Übrigens haben alle drei Kinder als Säuglinge tatsächlich einen wunden Po von den Feuchttüchern bekommen, sodass sie erst später zum Einsatz kamen! Und daher nehme ich weiterhin sämtliche Ratschläge aus der Öko-Ecke dankbar entgegen und teste sie auf Anwendbarkeit bei uns zuhause.

Mein Umgang mit der Gefahr

Was ich aufgegeben habe ist der Konsum von Verbrauchermagazinen und Test-Zeitschriften. Denn bei vermehrtem Lesen und Schauen mache ich mich nur verrückt. Als ich anfing, auch dem Brot vom Bäcker um die Ecke skeptisch gegenüberzustehen und sich meine Familie über meine trockene Vollkorn-Pizza beschwerte, gab ich meine ausgewachsene Glyphosat-Paranoia auf. Ich bin mir sicher, dass das Zeug besser zu meiden wäre, aber es ist mir im Alltag schier unmöglich. Und da das Leben eben ein gewisses Risiko birgt, nehme ich uns nicht den Spaß an Weißmehl-Pizza vom Italiener, auch wenn er uns kein Herkunfts-Zertifikat des verwendeten Weizen nennen kann, und lasse meine Kinder ohne Sorge in die Brezel beißen.

Jede Mutter und jeder Vater findet den richtigen Weg für sich selbst, und das ist auch das Allerwichtigste. Ich finde es toll, sich von Hebammen über alternative Mittel zur Schulmedizin beraten lassen zu können. So habe ich die Wahl, und entscheide mich für das, was ich für meine Kinder für das Beste halte. Und auch wenn sich mein Mann kaputt lacht und bis heute nicht versteht, warum ich mehr als zwei Euro für seine Gesichtscreme bezahle, renne ich immer noch mit meinem Smartphone und meiner Toxfox-App durch die Drogerie – man kann nie wissen!
Zur Bloggerin: Laura lebt mit Mann und drei Kindern (fünf, drei und null Jahre alt) in der Nähe von Stuttgart. Sie ist freie Texterin und Journalistin und kann auch privat das Schreiben nicht lassen. Deshalb stärkt sie mit ihren Kolumnen auf dem Blog „Heute ist Musik“ (www.heuteistmusik.de) die Lachmuskeln vieler Eltern und berichtet aus dem turbulenten Alltag mit ihrer Rasselbande, der manchmal nur mit ausreichend Humor zu meistern ist.

Weitere Infos:

www.heuteistmusik.de

Foto: © Heute ist Musik