Buchautorin Alexandra: „Durch mein Buch ist mir bewusster geworden, wie vergänglich Glück sein kann“

Buchautorin Alexandra: „Durch mein Buch ist mir bewusster geworden, wie vergänglich Glück sein kann“

Bücher waren schon immer Alexandra Gaida-Steingass Leidenschaft. Ein Abend oder ein Urlaub ohne Buch ist für die 37-Jährige fast undenkbar. Auch beruflich hat sie sich voll und ganz dem Buch gewidmet, hat zuerst eine Ausbildung zur Verlagskauffrau gemacht und später ein Studium zur Verlagsherstellerin in Stuttgart absolviert. Die gebürtige Rheinländerin aus Moers vom Niederrhein lebt mit ihrer fünfjährigen Tochter und ihrem Mann in Ebersbach im Landkreis Göppingen. 2008 hat sie sich mit einer Kommunikationsagentur für Marketing und PR selbstständig gemacht und 2014 sich einen weiteren persönlichen Traum erfüllt – einen eigenen Verlag gegründet. Mit ihren Büchern besetzt sie kleine Nischenthemen, die ihr am Herz liegen. In ihrem Buch „Anders als erwartet“ hat sie zwölf Elternpaare oder Elternteile interviewt, die sich mit völlig ungeplanten, existenziellen und teilweise tragischen Herausforderungen auseinander setzen mussten. Ein Buch über starke Familien, das anderen Mut machen soll. Im SCHWABEN-MOM-Interview erzählt uns Alexandra, wie das Buch ihren Blick auf Elternschaft verändert hat, wie sie ihre Selbstständigkeit mit ihrer Tochter verbinden kann und was sie als Rheinländerin im Schwabenland manchmal vermisst.

SCHWABEN-MOM: Viele träumen davon, ein eigenes Buch zu schreiben. Du hast es getan und dazu auch noch einen eigenen Verlag gegründet. Erzähle uns, was Du genau machst.

Alexandra: Seit 2008 bin ich mit meiner Firma Accepta Kommunikation im Bereich Marketing und PR selbstständig und war anfänglich weit davon entfernt, selbst Bücher zu schreiben oder zu verlegen. Neben meiner Selbstständigkeit habe ich an meiner Doktorarbeit im Fachbereich Germanistik geschrieben, was sich nach der Geburt unserer Tochter im Sommer 2011 gut mit dem Mama-Sein und meiner Selbstständigkeit verbinden ließ. Durch einen Wechsel des Doktorvaters sollte sich meine Promotionszeit kurz vor ihrem Abschluss allerdings nochmals um drei Jahre verlängern, was für mich nicht tragbar war. Also habe ich statt des „Dr. phil“ aus meiner fast fertigen Dissertation über Erich Kästner selbst ein Buch gemacht. Und gleich einen Verlag gegründet, um alle Prozesse in der Hand zu haben – vom Schreiben über die Buchherstellung, das Marketing und den Vertrieb. So bin ich zu meinen eigentlichen beruflichen Wurzeln zurückgekehrt.

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Bücher sind Alexandras große Leidenschaft, Foto: Peter Landmann

SCHWABEN-MOM: Wie ist es zu der Selbstständigkeit gekommen?

Alexandra: Im Jahr 2007 habe ich meinen Mann kennengelernt und bin ein Jahr später vom Schwabenland nach Frankfurt am Main gezogen. Die noch junge Beziehung, die neue Stadt – in dieser positiven Umbruchphase war mir sofort klar, dass ich auch beruflich nicht mehr im selben Hamsterrad laufen mochte, wie bisher. Zeitgleich erhielt ich Anfragen eines früheren Arbeitgebers sowie einer großen Frankfurter Firma, ob ich es mir vorstellen könne, freiberuflich im Marketing- und PR-Bereich tätig zu sein. Das war der Startschuss für meine Selbstständigkeit und für die Gründung von Accepta Kommunikation. Da ich recht gut vernetzt bin, ergaben sich im Laufe der Zeit viele neue Kontakte und Kooperationen, so dass ich von meiner Selbstständigkeit gut leben konnte. Und Anfang 2014, mittlerweile wohnten wir wieder in Süddeutschland, ist dann der eigene Verlag dazu gekommen.

SCHWABEN-MOM: Erzähle uns von Deinem Buch „Anders als erwartet“. Was ist das für ein Buch?

Alexandra: Für „Anders als erwartet“ habe ich zwölf Elternpaare oder Elternteile interviewt, die sich in ihrer frühen Familienphase mit völlig ungeplanten, existenziellen Herausforderungen auseinander setzen mussten. Der Leser nimmt Teil an berührenden Schicksalen, spürt aber gleichzeitig die positive Energie, die von meinen Interviewpartnern ausgeht. Denn egal ob die Eltern eines Schreibabys, eine alleinerziehende Mama, die mit ihrer Tochter nach Nepal auswandert, die Eltern eines behinderten, autistischen Kindes, eine Mutter, die aufgrund von Depressionen nach der Geburt ihr Kind nicht annehmen kann, ein Familienvater, der seine im Wachkoma liegende Frau zuhause pflegt oder ein Ehepaar, das Abschied von seinem kleinen Sohn nehmen musste – alle Geschichten tragen ein stärkendes Ende in sich, denn die Familien haben versucht, ihre Herausforderungen anzunehmen und erzählen ehrlich und authentisch, welche Tiefen und Kämpfe hinter ihnen liegen.

SCHWABEN-MOM: Welche Erfahrungen hast Du persönlich, auch als Mutter, aus diesen Interviews gezogen? Hat das Dein Blick auf Elternschaft verändert?

Alexandra: Ich sehe viele Dinge, wie Gesundheit, Familie, Freundschaft oder eine stabile Partnerschaft, nicht mehr als selbstverständlich an. Mir ist durch „Anders als erwartet“ nochmals bewusster geworden, wie vergänglich Glück sein kann. Ich hatte eine tolle Schwangerschaft, habe eine gesunde Tochter, bin glücklich verheiratet. Natürlich läuft auch bei uns nicht immer alles glatt, aber verglichen mit den Schicksalen meiner Interviewpartner sind meine Herausforderungen eher klein. Wenn man liest, wie Ruth, die Mama die ihren Sohn verloren hat, gelernt hat, den Verlust ihres Kindes zu tragen und zu akzeptieren, dass es auf die Frage nach dem Warum keine Antwort gibt, dann ist man tief berührt. Es gibt Dinge im Leben, die schreibt das Schicksal und wir können keinen Einfluss auf sie nehmen. Ich bin nach wie vor sehr beeindruckt, wie die interviewten Eltern durch ihre Geschichten anderen Betroffenen Kraft und Mut geben, ihren Weg zu finden und zu gehen.

SCHWABEN-MOM: Kannst Du von Deinem Verlag schon leben?

Alexandra: Von meiner Freiberuflichkeit als Gesamtpaket kann ich gut leben, nicht aber vom Verlagsgeschäft allein. Ich widme mich mit meinem Verlagsprogramm, wie beispielsweise in „Anders als erwartet“, Nischenthemen, die nicht unbedingt für eine breite Öffentlichkeit von Interesse sind. So habe ich unter anderem auch ein Buch von einer Autorin im Vertrieb, die von ihrem Familienalltag mit ihrer autistischen Enkeltochter berichtet. Diese Autorin wird eventuell noch ein Buch zum Thema Autismus in meinem Verlag veröffentlichen. Und mit Ingo, den ich für „Anders als erwartet“ interviewt habe und der als Vater von vier Kindern seine im Wachkoma liegende Frau zu Hause pflegt, entwickle ich gerade eine Buchidee zum Thema Wachkoma und häusliche Pflege. Das sind natürlich keine Themen, von denen man zehntausend Bücher verkauft, von denen ich persönlich jedoch finde, dass sie wichtig sind.

SCHWABEN-MOM: Wie sieht bei Dir ein normaler Arbeitstag aus? Wie schaffst Du es Familie und Selbstständigkeit zu verbinden?

Alexandra: Unsere Tochter geht morgens gegen acht Uhr in den Kindergarten und kommt um halb eins nach Hause. In dieser Zeit arbeite ich und mache den Haushalt. Mittags gehört meine freie Zeit Luise. Wir unternehmen immer viel gemeinsam oder Luise hat ihre eigenen Aktivitäten, wie den Kinderchor, das Turnen oder Reiten. Oft arbeite ich abends nochmals zwei Stunden oder dann eben am Wochenende, wenn mein Mann da ist. Ich bin froh, mir als Freiberuflerin meine Zeit in Familien- und Arbeitszeit relativ selbstbestimmt einteilen zu können. Es gab eine Phase, da musste ich viel am Wochenende arbeiten. Von diesem Projekt und diesem Kunden habe ich mich nach einiger Zeit getrennt, da ich diesen Arbeitsrhythmus nicht dauerhaft beibehalten mochte. Das sind zwar unbequeme Entscheidungen, die ich nicht leichtfertig treffe, die jedoch notwendig sind, wenn man Arbeits- und Familienleben als Freiberuflerin und Mama weiterhin gut unter einen Hut bringen möchte.

Lesestunde auf Gänseblümchen

Die Zeit mit ihrer Tochter ist für Alexandra sehr wichtig, Foto: Peter Landmann

SCHWABEN-MOM: Neben Deinem kreativen Schaffen, dem Business und der Familie – wie schaltest Du am besten ab? Was bringt Dich runter?

Alexandra: Natürlich ein gutes Buch. Oder ein schöner Abend mit Freunden und dem ein oder anderen Gläschen Rotwein. Aber auch die vielen spontanen Aktivitäten mit meiner Tochter, denn wir unternehmen auch unter der Woche gern etwas. Aktuell sind wir gerade von einer zweimonatigen Familienauszeit in Asien zurückgekehrt. Vor Ort sind wir spontan von Land zu Land gereist, waren in Sri Lanka, Singapur, auf Bali und in Thailand. Es waren unbeschwerte und bereichernde Wochen, an die wir uns immer erinnern werden. Am meisten beeindruckt hat mich, wie gut unsere Tochter alles mitgemacht hat. Für Luise war diese Auszeit ein großes Abenteuer, bei dem es nur wichtig war, dass wir als Familie zusammen sind.

Am Strand auf Bali

Die Auszeit in Asien war auch für Luise ein großes Abenteuer, Foto: Accepta Kommunikation

SCHWABEN-MOM: Du bist keine gebürtige Schwäbin. Was gefällt Dir hier besonders, was vermisst Du?

Alexandra: Manchmal vermisse ich meine Familie, die größtenteils am Niederrhein und im Ruhrgebiet lebt. Wenn spontane Familientreffen stattfinden und man nicht mal eben selbst hinfahren kann, ist das sehr schade. Was ich gern mag, ist die Natur am Niederrhein. Die flache Landschaft mit Weiden und Pappeln und den Rheinauen spricht mich sehr an. Kulinarisch vermisse ich Omas rheinischen Kartoffelsalat. Und eben mal Lakritze an der Trinkhalle kaufen gehen. Auch finde ich es schön, dass man am Niederrhein oder im Ruhrgebiet viel schneller einfach so mit Leuten ins Gespräch kommen kann, auch wenn man sie vorher noch nie gesehen hat. Da ist der Schwabe doch deutlich zurückhaltender.

Dafür liegt mir die schwäbische Verlässlichkeit. Dinge, die besprochen oder zugesagt werden, haben meist Hand und Fuß und werden angepackt. Ich mag auch die Vielseitigkeit der Schwaben gern. Sie sind viel weltoffener, als ihnen oft nachgesagt wird. Die schwäbische Küche ist ebenfalls mein Ding, wenngleich ich zugegebenermaßen die Spätzle häufig zugunsten von Kartoffeln abbestelle.

SCHWABEN-MOM: Dein Geheimtipp für Familien in Deiner Region?

Alexandra: Wir sind gern Richtung Schwäbische Alb aber auch in der Stadt unterwegs. Unsere Tochter ist begeistert von der Bärenhöhle und der Nebelhöhle in Sonnenbühl, den Wasserfällen in Bad Urach, dem Schreiber-Museum in Esslingen, dem Rosensteinmuseum in Stuttgart oder Elizi und der Dampfeisenbahn auf dem Killesberg. Der Kleine Tierpark in Göppingen und die Fledermaus-Führungen in Tübingen haben es ihr ebenso angetan, wie die Steinbrüche bei Holzmaden, wo man viele Fundstücke machen kann. Luise hat mit vier Jahren ihr Seepferdchen gemacht und es gab eine Zeit, da waren wir jedes Wochenende schwimmen – am liebsten in kleine Thermen, beispielsweise in Aalen, Bad Boll oder im Merkel´schen Bad in Esslingen. Ein weiterer, ganz persönlicher Geheimtipp ist meine Mama, die als Reittherapeutin auf dem Schurwald tätig ist und zwei Pferde hat. Luise verbringt dort jedes Wochenende schöne Stunden mit den Tieren und in der Natur.

Große und kleine Büchermacher

Das Schönste am Mamasein für Alexandra: die Nähe und Vertrautheit, Foto: Accepta Kommunikation

SCHWABEN-MOM: Was ist für Dich das Schönste am Mamasein?

Alexandra: Ich finde die Nähe zu meiner Tochter, diese Vertrautheit, wunderschön. Oft weiß der eine, was der andere denkt oder Luise spricht aus, was mich gerade beschäftigt. Ich mag ihre feinen Antennen, Dinge wahrzunehmen und empathisch auf ihre Umwelt zu reagieren. Auch mag ich das Gefühl, Teil dieses Mikrokosmos Familie zu sein. Man ist geschützt und geborgen, kann immer auf die anderen zählen, mit allen Fehlern und Schwächen, allen Höhen und Tiefen. Das ist ein ganz besonderes Gefühl, das man viel intensiver erlebt, wenn man eigene Kinder hat. Als Familie machen wir unser Ding, hören auf unser Bauchgefühl und versuchen, Luise einerseits mit traditionellen Werten zu erziehen, andererseits aber so selbstbestimmt und unkonventionell wie möglich zu leben. Am Mamasein gefallen mir auch die vielen Aktivitäten mit Kindern − egal ob wir im Wald sind, schwimmen gehen, basteln oder gemütlich in der Bücherei sitzen. Durch Luise nehme ich mir viel mehr Zeit für diese kleinen aber wesentlichen Dinge. Das bereichert mich sehr.

Weitere Infos:

www.accepta-kommunikation.de

Titelbild: Peter Landmann