„Hochsensible haben Superfühlkräfte“

„Hochsensible haben Superfühlkräfte“

Vor einigen Monaten schrieb Buchautorin und Mama Petra Neumann eine Kolumne für SCHWABEN-MOM zum Thema Hochsensibilität. Das Thema ist auf sehr großes Interesse gestoßen. Wir wollten mehr zum dem spanennden Thema erfahren und haben mit Petra ein Interview geführt. Die Heilbronnerin ist selber hochsensibel und Mama von zwei ebenso hochsensiblen Kindern (Sohn, zehn Jahre und Tochter, acht Jahre).

Das heißt: Sie fühlen die Welt intensiver als viele andere Menschen, haben besonders geschärfte Sinne und tragen einen inneren Seismographen für Stimmungen und Gefühle anderer Menschen in sich. Durch ihre Kinder hat die Heilbronnerin ihre eigene Hochsensibilität erkannt und sich mit dem Thema intensiv beschäftigt. Mittlerweile ist sie eine Expertin auf dem Gebiet, schreibt Beiträge für Blogs und auf ihrer eigenen Webseite www.high-sensitivity.de klärt sie über das Thema auf – das ist ihr eine Herzensangelegenheit, wie sie sagt. Und: Sie hat das erste Kinderbuch in Deutschland über Hochsensibilität geschrieben. Ihr Buch „Henry mit den Superkräften“ ist 2015 in einem kleinen Verlag erschienen und erzählt von einem siebenjährigen Jungen mit genau diesen Superfühlkräften. Die Resonanz auf dieses Buch war enorm. Jetzt ist ihr zweites Buch erschienen: „Das Handbuch für Superfühlkrafthelden“.

Im Interview mit SCHWABEN-MOM erzählt sie uns, was Hochsensibilität ist, welche Potentiale in ihr schlummern und wie sie mit dieser Eigenschaft für sich und ihre Kinder umgeht.

SCHWABEN-MOM: Du bist hochsensibel. Was bedeutet das genau?

Petra: Hochsensibilität kann sich in vielen verschiedenen Bereichen äußern. Sie beschreibt die Eigenschaft, Eindrücke weniger gefiltert aufzunehmen. Bei den Einen handelt es sich hier um Geräusche, Gerüche, bei anderen um Gefühle, Emotionen, während wiederum einige taktil eher „hochbegabt“ erscheinen.

SCHWABEN-MOM: Wie hast Du Deine Hochsensibilität erkannt?

Petra: Ich habe mich schon von klein auf oft „anders“ gefühlt. Doch, wie viele andere mit dieser Wesensart, verstand ich mich recht gut darin, die vermeintliche Schwäche der Empfindsamkeit gut zu verstecken. Nach außen hin gab ich mich extrovertiert, abenteuerlustig. Vom Klassenclown bishin zum Klassensprecher um nach einem Schulwechsel plötzlich die graue Maus, die Außenseiterin zu sein – es war sehr, sehr anstrengend, doch ich dachte, so muss ich sein, so wird’s erwartet. Innerlich sah es jedoch ganz anders aus.

Dass es einen Begriff hierfür gibt, und ich nicht alleine auf der Welt mit meinen Eigenheiten bin, habe ich erst über meinen Erstgeborenen erfahren. Berufsbedingt kam ich zum ersten Mal zu dem Thema Hochsensibilität. Ich begann, mich einzulesen und kam aus dem Staunen und den Aha-Effekten nicht mehr hinaus. Ich hatte das Gefühl, über mein eigenes Kind zu lesen und auch letztlich über mich. Wie unendlich wertvoll diese Erkenntnis für mich war. Wir waren plötzlich keine „Andersartigen“, keine „Aliens“ mehr. Und wir sind total in Ordnung, wie wir sind. Dieses erleichternde Gefühl weiterzuvermitteln ist mir seither eine Herzensangelegenheit.

SCHWABEN-MOM: Auch Deine beiden Kinder sind hochsensibel. In welcher Art und Weise verhalten sie sich anders als andere Kinder?

Petra: Es gibt sowohl introvertierte, als auch extrovertierte hochsensible Menschen. Wobei die erstgenannten wohl in der Mehrzahl sind. Ich habe beides zuhause. Von klein auf zeigten sich klassische Eigenheiten, wie beispielsweise das Nichtertragen-können von Etiketten in den Klamotten, die Schwierigkeiten im Umgang mit Veränderungen, das große Ritualbedürfnis, den schwierigen Umgang mit Lärm und die zum Teil dem Alter weit voraus erscheinende Empathie und Gedankengänge.

SCHWABEN-MOM: Wie gehst Du für Dich und für Deine Kinder mit der Hochsensibilität um? Weniger Reize, weniger Programm, mehr Pausen? Was sind Deine persönlichen Tipps?

Petra: So banal das klingen mag, doch am weitesten brachte uns die Selbstakzeptanz. Und der Abschied von dem Wörtchen „muss“. Als junge Mama, die ich war, setzte ich mich selbst und unbewusst auch erst das eine, später beide Kinder unter Druck, in der Annahme, dass wir doch aber so und so sein müssen. Dass ein Baby ab dem Alter x im eigenen Bettchen schlafen muss, dass es anstandslos von Oma zu Oma, von Tante zu Tante gereicht werden können muss – bis hin zum „Durchziehen“ der Schullandheim-Thematik in der dritten Klasse.

Es ist ein ewiger Spagat zwischen Überbehütung und angebrachter Forder und Förderung, der sich aber lohnt, wenn er denn individuell an die Kinder angepasst wird. Jedes Kind hat feine Antennen, was die Erwartungen der Eltern angeht. Hochsensible häufig noch feinere. Je nachdem, wie Mama und Papa mit sich und ihrer (in Anbetracht der Tatsache, dass Hochsensibilität erblich bedingt ist) sehr wahrscheinlichen eigenen Sensibilität umgehen, lernt auch der Nachwuchs nur durch das Vorleben, diese Eigenschaft als Stärke zu betrachten.

Konkret baue ich Pausen in den Alltag ein. Das müssen keine Mittagschläfchen oder tatsächliche Hinlege-Pausen sein – kleine Zeitfenster zwischen den einzelnen Programmpunkten – möglichst mit Bewegung haben sich für uns bewährt. Wir haben feste Strukturen und verlässliche Regeln, die für Sicherheit sorgen. Abends sprechen wir rückblickend über den Tag, morgens beim Frühstück gehen wir die Pläne durch. Ganz klar sehen unsere Kinder in uns auch Verbündete und Anwälte ihrer Bedürfnisse, auch innerfamiliär. Sämtliche Stressoren werden möglichst nach den Kriterien „tatsächlich nötig“ und „bringt uns nicht weiter“ sortiert.

SCHWABEN-MOM: Viele Menschen sind sensibel und empfindsam, aber wie erkennt man eine Hochsensibilität?

Petra: Die amerikanische Psychologin und Forscherin auf dem Gebiet Elaine Aron, und viele nach ihr, haben Selbsttests entwickelt, die auf Hochsensibilität hinweisen können. Den für Erwachsene und den für Kinder findet man auch auf meiner Webseite www.high-sensitivity.de Letztlich liefern sie aber auch nur Anhaltspunkte. Da Hochsensibilität weder Krankheit noch Störung ist, gibt es hier auch keine klaren „Diagnosen“. Im Grunde ist es auch gar nicht sinnbringend, eine Bestätigung schwarz auf weiß zu suchen. Wenn man sich in dem Thema selbst wiederfindet, dann ist es doch ganz wunderbar, sich aus den Angeboten, Tipps, Tricks, Hilfsmitteln herauszunehmen, was für einen selbst gut ist.

SCHWABEN-MOM: Welche Potentiale bringen Menschen mit ausgeprägter Sensibilität mit?

Petra: Unheimlich viele. Die größte Hürde, diese Potentiale zur Entfaltung zu bringen, sind die Menschen meist selbst. Wächst man jedoch mit dem Wissen heran, dass Sensibilität, Empathie, Feinfühligkeit und Weitsicht Stärken sind, dann eröffnen sich allerhand Möglichkeiten. Egal wie die Berufswahl ausfällt: Der hochsensible Mensch zeichnet sich dadurch aus, schnell zu erkennen, was der Kunde. Kollege, Chef oder Mitarbeiter nun braucht, wo sich Konflikte anbahnen, wo Diplomatie gefragt ist.

Er kann sich selbst in für ihn ganz untypische Szenarien hineinversetzen und zeigt Talent im Abschätzen von Risiken und Möglichkeiten. Als eine Art Seismograph seiner Umgebung trägt er nicht unwesentlich dazu bei, dass das Klima ausgewogen ist. Im persönlichen Freundeskreis ist der hochsensible Mensch der Freund, der meist ein offenes Ohr hat, sich in Sorgen und Freuden sehr gut hineinfühlen kann und ehrliche Kritik übt. Nicht alle, doch viele Superfühlkrafthelden sind eher treu, loyal und fokussiert.

Auch gesundheitlich bringen hochsensible Menschen Potentiale mit. Wenn es ihnen nicht aberzogen wurde, haben sie ein sehr feines Körpergefühl. Als kleine Kinder sind sie „schleckig“, mäkelig und haben ganz klare Geschmäcker was Zutaten und Konsistenzen betrifft. Solange es sich hierbei nicht nur um Schokolade handelt, sollte man dieser Art Körpersprache durchaus auch Gehör schenken. Egal in welchem Alter.

SCHWABEN-MOM: Ist das Leben für hochsensible Kinder in Zeiten von 3D-Kino, schnellen Schulabschlüssen und enormen Leistungsdruck schwieriger? Wie kann man sich dem entziehen, ohne dabei den Anschluss zu verpassen?

Petra: Frei nach Paracelsus: „Die Dosis macht das Gift.“ Wir selbst leben technisch auch recht fortgeschritten, haben PC, Tablet, Smartphones und TV. Doch für alle diese Dinge haben wir auch Regeln und Zeiten. TV gibt’s beispielsweise bei uns nur am Wochenende oder in den Ferien. Und auch die Tablet- und Smartphone-Zeit ist klar geregelt. Dadurch können die Kinder mitreden, versinken aber nicht darin. Dies ist aber uns ganz persönliches Familien-Modell, damit erhebe ich keinen Anspruch an pädagogische Korrektheit.

Der Leistungsdruck ist wiederum eine andere Geschichte. Wir haben großes Glück in der nahen Umgebung ein G9-Gymnasium zu haben, auf das unser Großer geht. Unsere Tochter ist noch in der Grundschule. Hochsensible Kinder neigen dazu, sich selbst stark unter Druck zu setzen. Eben weil sie oft klar spüren, welche Erwartungen an sie gerichtet sind, sei es von den Lehrern oder von den Eltern. Was die Schulleistungen betrifft, so besteht bei uns der Leitsatz: Jede Note ist gut, solange man sich Mühe für sie gegeben hat.

SCHWABEN-MOM: Wenn unsere Kinder sich sozialisieren, kommen sie auch mit vielen eher unsensiblen Menschen in Kontakt. Wie kann man sie darauf vorbereiten? Wie kann man sie stärken mit ihrer Empfindsamkeit?

Petra: Das ist eine der größten Herausforderungen, wie ich finde. Toleranz zu lernen ist eine Lebensaufgabe. Der wichtigste Grundstein hierfür ist der Selbstwert. Wenn ich weiß, dass ich gut bin, dann bin ich weniger verletzbar, als wenn ich schon mit großen Zweifeln an meiner eigenen Persönlichkeit heranwachse. Hochsensibel zu sein ist kein Mehr- und kein Minderwert. Es ist eine Wesensart, die ebenso wie auch alle anderen eine Daseinsberechtigung hat. Im Idealfall entstehen hier Verbindungen, die sich wunderbar ergänzen. Wenn der hochsensible Bub und der vorauspreschende, wilde Nachbarsjunge sich anfreunden, dann können sie unheimlich viel voneinander lernen. Und auch das zartbesaitete Mädchen kann eine großartige Bereicherung durch die unbedachtere Pfiffikus-Klassenkameradin erfahren und auch sein.

Wenn das Kind mit seiner eigenen Empfindsamkeit hadert, dann ist mir wichtig, dass diese nicht kleiner oder gar weggeredet wird. Denn das wäre ja ganz klar eine Lüge. Gerade für Kinder habe ich das Wort „Superfühlkraft“ im Gebrauch. Der Tony ist super im Rennen, die Anna im Singen, der Aaron ist ein Super-Rechner, und du hast eben eine Superfühlkraft.

SCHWABEN-MOM: Du hast das Kinderbuch „Henry mit den Superkräften“ über Hochsensibilität geschrieben. Wie waren die Reaktionen auf das Buch?

Petra: Sie waren großartig. Ursprünglich war das Büchlein ein Privatprojekt. Auf Umwegen wurde es dann tatsächlich veröffentlicht. Das ist nun ziemlich genau ein Jahr her. Ich habe in diesem Jahr unheimlich viele Rückmeldungen, Nachrichten, Briefe und sogar Fotos von Schulprojekten mit Henry zugesandt bekommen, dass mir – mal schwäbisch-salopp gesagt – „die Ohren schlackerten“. Ich bin noch immer unendlich gerührt und dankbar dafür, tatsächlich Kinder emotional erreicht zu haben. „Henry mit den Superkräften“ ist und bleibt ein Herzensprojekt mit der Mission, den Sensibelchen zu helfen, zu erkennen, dass sie eigentlich wahre Superhelden sind.

Weitere Infos:

www.high-sensitivity.de