Neben der Spur: Mama mit ADS schreibt Buch über ihr Leben

Neben der Spur: Mama mit ADS schreibt Buch über ihr Leben

Vor zwei Wochen entdeckten wir Mina Teichert im Fernsehen – in einer Talkshow. Zwischen Constantin Wecker und Schauspieler Thomas Heinze plauderte diese beeindruckende Frau mit ihrem wunderbaren Humor über ihr Leben mit ADS (Aufmerksamkeitsdefizitstörung). Erst mit Mitte zwanzig wird bei ihr ADS diagnostiziert – davor gibt es schon eine lange Leidensgeschichte mit vielen psychischen Symptomen und Fehldiagnosen. Aber bei aller Tragik und zum Teil auch Dramatik dieser Erkrankung hat die 39-jährige Schriftstellerin und Mutter einer 14-jährigen Tochter der Humor nie verlassen. Sie findet einen Weg mit ihrer Krankheit auch im Alltag irgendwie klarzukommen. Jetzt hat sie ein Buch über ihr Leben mit ADS geschrieben.

Tollpatschig, verträumt, chaotisch aber überaus liebenswert – so wird Mina als Kind von ihrer Umwelt wahrgenommen. Doch je älter sie wird, desto schwerer tut sich die Traumtänzerin mit den einfachsten Dingen des Lebens. In der Schule hat sie Konzentrationsprobleme, ständig vergisst sie etwas. Ein plötzliches Geräusch genügt, um sie abzulenken und völlig aus dem Konzept zu bringen. Nach der Schulzeit wird es nicht besser, ob Ausbildung in einem Fotoatelier oder Job im Call-Center, Mina eckt immer wieder an, passt nicht in die Norm. Kreativ ist sie und voller Phantasie, leider aber auch ein absolutes Chaoskind. Mit Mitte zwanzig hat sich die allgegenwärtige Reizüberflutung zur totalen Überforderung mit dem Alltag ausgewachsen. Schließlich bekommt die junge Frau die Diagnose, die ihre Zukunft verändert: Mina hat ADS – und mit einem Mal kann ihr geholfen werden.

In ihrem Buch „Neben der Spur, aber auf dem Weg“ erzählt sie von ihrem Alltag mit der Erkrankung – vom Stolpern und Aufstehen und den skurrilen Situationen , die man erlebt, wenn einem der „Filter“ fehlt, die Reize um einen herum zu sortieren. Das Buch ist sehr ehrlich und offen, komisch und dennoch sehr berührend. Und vor allem macht es allen Betroffenen Mut. Es zeigt, dass auch im „Anderssein“ eine große Kraft liegt. Dass die „Schwäche“ auch eine Stärke sein kann. Dass auch die Betroffenen dabei lernen, geduldig und tolerant zu sein. Ihr Buch beantwortet viele Fragen rund um eine der häufigsten Volkskrankheiten unserer Zeit und zeigt vor allem, dass auch mit ADS und ADHS ein erfülltes Leben möglich ist. Eine unverzichtbare Hilfestellung für Eltern, deren Kinder betroffen sind und ein Buch für alle, die auch ab und an etwas neben der Spur sind!

„Seid nicht so hart und ungerecht mit den Unzulänglichkeiten eures Gegenübers. Die Welt dreht sich immer schneller und wenn wir nicht wollen, dass einige Unikate von der Fliehkraft rausgekickt werden, ist es an der Zeit umzudenken“, sagt Mina. Sie lebt heute mit ihrem Mann und ihrer Tochter auf einem Bauernhof in Norddeutschland. Wie es ist, wenn die Mutter ADS hat (und nicht das Kind) und was Eltern von Kindern mit ADS tun können –  das hat sie uns im SCHWABEN-MOM-Interview verraten.

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SCHWABEN-MOM: Wie hast Du erkannt, dass mit Dir was anders ist, und wie kam es zu der Diagnose?

Mina: Ich litt seit meiner Kindheit unter dem Aufmerksamkeitsdefizit und der Impulskontrollschwäche und spürte, dass bei mir etwas anders lief. Leider hatte ich keine Ahnung was genau. Ich fühlte mich dumm und alleine, da ich so oft scheiterte. Im Teenageralter kam es zu allerlei Nebenerkrankungen wie Magersucht und Selbstverletzungsverhalten. Eine echt miese Zeit, die ich Gott sei Dank durchgestanden habe. Im jungen Erwachsenenalter erst, nach einer Panikattacke im Supermarkt, bekam ich die lebensverändernde Diagnose ADS.

SCHWABEN-MOM: Was tust Du für Dich, um zur Ruhe zu kommen, und Dich den Reizen unseres Alltags zu entziehen?

Mina: Sich den Reizen zu entziehen ist schwierig. So wenig, wie man sich dem Leben entziehen kann, entgeht man den Eindrücken und Geräuschen. Ich habe den Luxus, dass ich auf dem Land leben darf und mir meine Aufgaben für den Tag mehr oder weniger selbst einteile. Manchmal hilft Ohropax oder Musik auf den Ohren, um die Welt ein bisschen auszusperren. Das funktioniert längst nicht immer. Medikamente waren für mich keine dauerhafte Option, da ich sie nicht vertrug.

Ich habe einige Tricks, um zur Ruhe zu kommen oder aufkommende Panik zu bekämpfen. Einmal gibt es das Notfall Gummiband um mein Handgelenk. Hilft manchmal zur Achtsamkeit zurückzufinden. Bewusst atmen, bewusst Muskeln an- und wieder entspannen. Zählen, ich zähle verdammt gerne vor mich hin.

SCHWABEN-MOM: Du bist Jugendbuchautorin. Wie schaffst Du es, trotz ADS, Deine Bücher erfolgreich zu Ende zu bringen?

Mina: Mit dem Schreiben ist das eine witzige Sache. Seit meiner Kindheit flüchte ich mich geradezu in Geschichten und kann mich stundenlang in ihnen aufhalten. Früher, während ich in der Schule aus dem Fenster sah, heute wenn ich meine Worte in den PC hämmere. Es fällt mir allerdings schwer, es auf Knopfdruck zu tun und dann bei der Sache zu bleiben.

SCHWABEN-MOM: Als Mama ist man super gefordert. Wie packst Du den Alltag als Mama, und wie geduldig muss Deine Tochter mit Dir sein?

Mina: Meine Tochter kennt mich seit ihrer Geburt. Zunächst hatte sie keine Ahnung, dass alles bei uns etwas anders läuft, als bei anderen Bilderbuchfamilien. Erst in der Schulzeit wurde ihr das klar. Sie musste von Anfang an mithelfen an Termine zu denken und ist mittlerweile eine sehr selbstständige kleine Person, was ihr bis jetzt nicht geschadet hat.

SCHWABEN-MOM: Was rätst Du Eltern von Kindern mit ADS? Hast Du eine besonders wichtige Botschaft?

Mina: Seid kreativ. Helft euren Kindern sich selbst so anzunehmen wie sie nun mal sind und unterstützt sie mit Tricks zu arbeiten, wie ihr sie in meinem Buch findet. Jeder wird seine eigenen Methoden finden, um sich zu organisieren. Habt Geduld, auch wenn euch Steine in den Weg gelegt werden. Denn denkt immer dran, aus diesen Steinen baut man seine eigene Straße. Und Ritalin ist nicht immer die Lösung, besonders nicht, wenn es nur vom Kinderarzt und nicht von einem Fachmann verschrieben wird.

SCHWABEN-MOM: Was erfahren wir in Deinem aktuellen Buch?

Mina: In „Neben der Spur, aber auf dem Weg“ erfahrt ihr, wie sich ein Leben mit ADS und ADHS anfühlt und äußert. Wie es ist, nicht erkannt zu werden und welche Tücken diese neurologische Besonderheit hat. Ihr könnt mich von meiner Kindheit an auf meinem persönlichen Weg begleiten und lustige wie auch etwas bedrückende Einblicke in das Wesen von ADS bekommen. Aber keine Sorge, es gibt mehr zu lachen, als zu beweinen. Und ich werde niemanden deprimieren. Versprochen. 

SCHWABEN-MOM: Was ist für Dich das Schönste am Mamasein?

Mina: Das Schönste am Mamasein ist für mich die Kindheit noch einmal neu erleben zu dürfen. Und zu sehen, wie das kleine Monsterchen wächst und lernt und sich entwickelt und glücklich ist. Und es ist enorm, was für Kraftreserven man für so ein kleines Wesen mobilisieren kann, um es gesund großzuziehen.

Weitere Infos:

www.minateichert.jimdo.com

Infos zum Buch:

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Verlag: Eden Books | Ein Verlag der Edel Germany GmbH
ISBN: 978-3-959101-08-0
Format: 13,5 x 21,0 cm
Umfang: 288 Seiten (Klappenbroschur)
ET: 6. April 2017
Preis: € 14,95 (D) / € 15,40 (A)

 Fotos: © Vanessa Rosenbrock

Cover: © Eden Books