Bildungshysterie in Baden-Württemberg – ohne mich

Bildungshysterie in Baden-Württemberg – ohne mich

Ich schreibe heute mal wieder über mein Lieblingsthema – über die Bildungshysterie in Baden-Württemberg. Die Anzahl an genervten Eltern und gestressten Schülern steigt stetig. Fangen wir mal in der Krippe an: Sind die Kleinsten doch vor allem mit der schmerzhaften Abnabelung der Eltern beschäftigt, geht der große Bildungswahnsinn hier schon los.

Ich erinnere mich an die schreckliche Krippenzeit meines jüngsten Sohnes. Stolz erklärte mir die junge, hoch motivierte Erzieherin mit Zusatzqualifikation in frühkindlicher Bildung das Einstein-Konzept: der grüne Raum war für die mathematisch-logischen Fähigkeiten, der rote für die musikalische Förderung, der gelbe für die Sprachkompetenz. Im mathematisch-logischen Bereich konnte mein kleiner Sohn damals noch nicht korrekt alle Steinchen in die dafür vorgesehenen richtigen Formen stecken. „Das ist alles noch im Rahmen“, wurde ich fachmännisch aufgeklärt. Wie beruhigend, dachte ich. Als er mit zwei Jahren noch keine ganzen Sätze sprach, kam er dann auch prompt in die Sprachförderungsgruppe. Übrigens: In der ersten Klasse las er nach drei Monaten Harry Potter. Mensch, macht Euch mal locker!

Nächste Stufe Grundschule: Mein großer Sohn musste nach drei Wochen in den Förderunterricht (genannt Club – klingt irgendwie cooler), weil er noch nicht so gut im Sil-ben-klat-schen war. Okay, die Gymnasium-Empfehlung gab es dann trotzdem in der vierten Klasse. Kann man den Kindern nicht einfach mal Zeit geben? Mittlerweile ist die Waldorfschule eine Art Auffangbecken für Eltern und Kindern, die vom Gas gehen möchten. Die ihren Kindern eine glückliche Kindheit schenken möchten. Aber das wollen wir doch alle! Und das muss doch auch in den regulären Schulen und Einrichtungen machbar sein – ohne anthroposophischen Überbau, oder?

Und jetzt: Gymnasium. Puh, da machen wir alle gleich noch mal das Abitur mit. Alle schimpfen über G8, aber warum schreit keiner mal ganz laut? Tausende gehen für S21 auf die Straße, aber gegen G8 protestiert hier keiner. Vielleicht müssen wir mal einen landesweiten Streik ausrufen. Studien zeigen eindeutig, dass die Schüler in Baden-Württemberg durch G8 gestresster sind. Nach einer GfK-Umfrage sagen über 50 Prozent in Baden-Württemberg, dass der Leistungsdruck hier zu hoch sei – da sind wir mit Bayern ganz vorne mit dabei.

Mein Sohn geht jetzt in die fünfte Klasse eines wirklich tollen Gymnasiums, aber Lehrplan ist Lehrplan. Da muss man auch die Lehrer in den Schutz nehmen. Zwei Stunden lernen für eine Musikarbeit in der fünften Klasse? Das ist doch verrückt! Wir haben früher gesungen und musiziert im Unterricht und keine Tonleitern stumpf auswendig gelernt.

Ich habe meine ganze Kindheit und Jugend in der Turnhalle verbracht – und nebenher irgendwie noch das Abitur gemacht. Okay, früher war ja eh alles besser. Aber: Für ein bisschen „früher“ sollten wir alle kämpfen – immerhin geht es um unsere Kinder und unsere Zukunft. Seid Ihr dabei?

SCHWABEN-MOM-Bloggerin Annika schreibt unter Pseudonym über ihre Gedanken, Sorgen, Freuden und ihren Ärger im alltäglichen Mutter-Dasein in der SCHWABEN-MOM-Kolumne. Sie lebt mit ihren beiden Söhnen in Stuttgart.

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