Anekdoten von der Helikopterfront: Verschieben Sie die Deutscharbeit – mein Sohn hat Geburtstag!

Anekdoten von der Helikopterfront: Verschieben Sie die Deutscharbeit – mein Sohn hat Geburtstag!

Wir alle kennen Helikoptereltern. Vielleicht gehören wir auch manchmal zu ihnen. Sie bringen ihre Kinder bis ins Klassenzimmer und tragen den Ranzen hinterher. Oder sie drohen mit dem Anwalt, wenn das Kind keine Gymnasialempfehlung bekommt. Spiegel Online-Redakteurin Carola Padtberg, selber Mutter von drei Kindern, hat mit ihrer Kollegin Lena Greiner in dem Buch „Verschieben Sie die Deutscharbeit – mein Sohn hat Geburtstag!“ die unglaublichsten Geschichten über Helikopter-Eltern und ihre Premium-Kids gesammelt. „Entstanden ist ein schonungsloser Frontbericht“, erzählt Carola Padtberg. SCHWABEN-MOM hat das Buch für Euch gelesen und sich sehr amüsiert und zugleich an manchen Stellen ertappt gefühlt. Wie es zu diesem Buch kam, wie viel Helikopter in Carola Padtberg selbst steckt und warum wir einfach alle manchmal so durchdrehen, verrät uns die Autorin im SCHWABEN-MOM-Interview.

SCHWABEN-MOM: Super, Euer Buch über Helikopter-Eltern und Premium Kids. Wir haben viel gelacht und uns ertappt gefühlt. Was ist Deine persönliche Lieblingsanekdote aus dem Buch?

Carola Padtberg: Es gibt so viele lustige Geschichten! Immer wieder kann ich darüber lachen, dass eine Mutter ein Bastelscheren-Verbot im Kindergarten forderte, weil sich ihr Sohn geschnitten hatte. Oder über die Anweisung an Erzieherinnen, dass die anderthalbjährige Tochter bei Ausflügen immer einen Schnuller im Mund haben soll – damit ihr keine Biene hineinfliegt. Und über die Mutter, die ihrem Siebenjährigen beim Zahnarzt ernsthaft weismachen wollte, die rote Flüssigkeit an seinem Zahn sei Ketchup! Sie wollte nicht, dass er sich ängstigt.

SCHWABEN-MOM: Wie kam das Buch genau zustande? Woher habt Ihr die ganzen Stories? Und, sind die wirklich alle echt?

Carola Padtberg: Wir haben auf Spiegel Online einen Text darüber veröffentlicht, wie heutzutage Eltern an Unis auftreten: Dass es dort mittlerweile Elterntage gibt, dass die Mütter und Väter mit in die Vorlesungen kommen und ihre Kinder sogar zur Besprechung einer Hausarbeit beim Professor begleiten. Daraufhin meldeten sich viele weitere Leute bei uns, die täglich mit dieser Sorte Eltern zu tun haben: Hebammen, Erzieher, Lehrer, Ärzte, Sporttrainer und sogar Anwälte – sie alle haben uns von Hunderten unglaublichen Begegnungen und Gesprächen berichtet, die sie mit Helikoptereltern hatten. Entstanden ist ein schonungsloser Frontbericht.

SCHWABEN-MOM: Du hast selber drei Kinder. Ganz ehrlich: Wieviel Helikopter steckt in Dir?

Carola Padtberg: Jeder, der ein Kind bekommt, macht die Erfahrung, dass mit dem neuen Leben nicht nur großes Glück, sondern auch viele Ängste und Sorgen geboren werden. Völlig normal. Man will den Kindern das Leben so schön wie möglich gestalten und ihnen Enttäuschungen ersparen. Auch ich habe meine Kinder schon getragen, obwohl sie prima laufen konnten, habe mir unnötig Sorgen gemacht oder habe mich bei ungezählten Telefonaten von ihnen unterbrechen lassen, bis meine Gegenüber genervt das Gespräch beendeten. Der Punkt ist nur: Irgendwann muss das aufhören.

SCHWABEN-MOM: Hat das Buch auch was mit Dir als Mutter gemacht? Hältst Du Deine Ängste und Sorgen als Mutter jetzt doch noch mal mehr zurück?

Carola Padtberg: Ich halte keine Sorgen zurück, aber ich versuche, mich bei meinen Handlungen zu beobachten. Denn ich habe mich bei manchen Anekdoten wirklich ertappt gefühlt! Welche Mutter wüsste nicht gern, was bei der Eingewöhnung im Kindergarten so passiert? Doch ich spähe deshalb nicht heimlich durchs Schlüsselloch, oder bedränge die Erzieher mit Whatsapp-Nachrichten. Ein anderes Beispiel sind Hausaufgaben. Wenn mein Sechsjähriger für sein Referat ein Plakat kleben soll, dann darf ich es eben nicht einfach selbst gestalten. Das machen aber viele Eltern – weil sie ein perfektes Plakat für ihr Kind wollen. Alles soll perfekt sein für das eigene Kind.

SCHWABEN-MOM: Warum klammern wir Mütter nur so? Warum müssen wir alles immer unter Kontrolle haben? Was ist an uns anders als an unseren Eltern?

Carola Padtberg: Das Phänomen betrifft auch Väter, nicht nur Mütter. Darüber haben wir mit dem Kinderpsychologen Michael Winterhoff gesprochen. Er sagt, es liege daran, dass ein Kind als persönliche Sinnerfüllung und Projekt gesehen wird, von dem sich Eltern nicht abgrenzen können. Eine schlechte Note in der Schule wird dann vom Vater als persönliche Niederlage wahrgenommen. Hat das Kind ein Wehwehchen, leidet die Mutter förmlich körperlich mit. Der Psychologe sagt: Sie leben in einer Symbiose mit ihrem Kind. Dadurch hinderten sie es allerdings daran, zu reifen.

SCHWABEN-MOM: Moderator Thomas Kausch schreibt in seinem Buch, er sei der Harrison Ford unter den Helikopter-Vätern und findet das super. Der Jugendpsychiater Michael Schule-Markwort wehrt sich gegen den Begriff der „Helikoptereltern“ und sieht das als Diskriminierung fürsorglicher Eltern. Liegt das Problem am Ende nicht eher bei zu wenig Fürsorge als zu viel?

Carola Padtberg: Es ist furchtbar, wenn Kinder vernachlässigt werden. Keine Frage, das steht gar nicht zur Debatte. Wir befassen uns aber mit einer Problematik, die am anderen Ende der Messlatte liegt, und natürlich darf man auch darüber sprechen. Und lachen! Denn unser Buch ist ja kein psychologischer Ratgeber. Übrigens: Alle Helikopter-Eltern finden sich selbst super und vertragen keine Kritik, das liegt in der Natur der Sache und ist sehr amüsant zu beobachten. Und weil das so lustig ist, haben wir die skurrilsten Begebenheiten zusammengetragen und hoffen, dass auch Helikopter-Eltern darüber lachen können.

Weitere Infos zum Buch:

Cover-Helikopterbuch

Verschieben Sie die Deutscharbeit –
mein Sohn hat Geburtstag!
Taschenbuch
Broschur
224 Seiten
ISBN-13 9783548377490
Erschienen: 13.10.2017
Preis: 9,99 Euro (D)

 

Cover: Ullstein Buchverlage

Foto: Carina Wendland