Harte Kindheit: 40-Stundenwochen plus Feierabend-Programm

Harte Kindheit: 40-Stundenwochen plus Feierabend-Programm

Vielleicht erinnert Ihr Euch auch manchmal an Eure eigene Kindergarten- und Schulzeit und denkt: Man was hatten wir es doch gut! Ich erinnere mich, dass ich in den ersten beiden Schuljahren oft schon um elf Uhr Zuhause war. In der dritten Klasse hatten wir dann auch schon mal vier Stunden, aber länger waren unsere Schultage nicht. Ich hatte auch bis zum Abitur fast jeden Tag um halb zwei Schulschluss, konnte meine ganze Freizeit als Leistungssportlerin in der Turnhalle verbringen – freiwillig.

Heute ist alles anders, nicht alles schlechter, aber vieles finde ich für die Kinder unzumutbar. Jeden Morgen fahre ich an einer Stuttgarter Ganztags-Grundschule um kurz vor acht vorbei. Ich sehe wie die Kinder ins Schulhaus laufen, und wenn ich nach einem langen Tag am Nachmittag gegen 16 oder 17 Uhr wieder an der Schule vorbeifahre, sehe ich, wie Kinder mit müden Gesichtern und viel zu schweren Schulranzen nach Hause gehen. Und dann denke ich: Was für ein langer Tag! Acht bis neun Stunden verharren diese kleinen Kinder in diesen hässlichen Schulgebäuden, bekommen unendlich viel Input, auch wenn es am Nachmittag Lernwerkstatt oder AG heißt – Input ist Input. Und sie haben keine Möglichkeit, einfach mal für sich alleine zu sein, sich abzugrenzen und ihre eigenen Bedürfnisse zu spüren und ihnen nachzugehen.

Für mich wäre das als Kind unvorstellbar gewesen. Ich erinnere mich genau, wie müde man schon mittags war – von den Lehrern, den Mitschülern, dem Lärmpegel. Ich habe mich immer gefreut, mich endlich in meinem Zimmer zurückzuziehen, zu spielen oder eine Hanni und Nanni-Kassette einzulegen.

Auch in den „normalen“ Grundschulen haben Drittklässler heute schon sechs Stunden und einige noch in der siebten Stunde Förderunterricht. Sieben Stunden Unterricht – maximale Konzentration und Beschallung für achtjährige Kinder. Was für ein Wahnsinn! Kein Wunder, dass Verhaltensauffälligkeiten wie ADHS & Co. zunehmen. Das sagt einem doch schon der gesunde Menschenverstand, dass das nicht gut sein kann. Dass das mehr als genug ist.

Und in der weiterführenden Schule geht es gleich überehrgeizig weiter – dank G8. Zwei- oder dreimal Nachmittagsschule haben die Fünft- und Sechstklässler heutzutage. Viele verlassen das Haus morgens um sieben Uhr und sind um 17 Uhr Zuhause, danach muss noch Klavier geübt und für die Klassenarbeit am nächsten Tag gelernt werden. Jede Gewerkschaft würde auf die Barrikaden gehen! Denn: Unsere Kinder machen jeden Tag Überstunden.

Aber warum geht bei uns keiner auf die Barrikaden? Warum machen alle stillschweigend mit? Und viele von uns packen noch was oben drauf: Ballett, Judo, Geige, Lernen für die besten Noten …

Wir sollten uns gelegentlich auf die eigene Kindheit besinnen und uns erinnern, was uns damals guttat und was uns wichtig war. Und: Ob wir selber das Leben unserer Kinder führen möchten. Ob wir damit glücklich wären?

SCHWABEN-MOM-Bloggerin Annika schreibt unter Pseudonym über ihre Gedanken, Sorgen, Freuden und ihren Ärger im alltäglichen Mutter-Dasein in der SCHWABEN-MOM-Kolumne. Sie lebt mit ihren beiden Söhnen in Stuttgart.

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