Gastkolumne: Der ganz normale Spielplatzwahnsinn

Gastkolumne: Der ganz normale Spielplatzwahnsinn

Ach ja, Spielplätze – bis vor vier Tagen habe ich sie geliebt. Das ging eigentlich schon während meiner ersten Schwangerschaft los. Ich setzte mich bei jeder sich bietenden Gelegenheit auf eines der Bänkchen auf irgendeinem Spielplatz, an dem ich vorbeikam, streichelte meinen Bauch und streckte ihn fröhlich in die Sonne. Ich fühlte mich, als hätte ich mit dem dicken Babybauch eine Art Eintrittskarte gelöst, die mich zum Besuch dieser Anlage berechtigte. Und als hätte mich der zweite Streifen auf dem Schwangerschaftstest zu einer Expertin für Kinder gemacht, verhielt ich mich auch dementsprechend und quatschte grundlos fremde Leonies und Friedas an, kommentierte Sandförmchen-Streitigkeiten und Stürze.

Am übelsten war aber, dass ich damals, wenn ich einen Spielplatz enterte, freundlich in die Runde der anwesenden Mütter grüßte, bevor ich mich setzte. Ich weiß, voll peinlich! Zusammengefasst lässt sich also sagen: Bevor ich Kinder hatte, verbrachte ich freiwillig sinnlos Zeit zwischen anderen Eltern und deren Nachkommen. Es war, als würde ich schonmal Probesitzen, auf dem Bänkchen neben der Sandkiste. Meinen Platz anwärmen.

Dann kam Kind eins. Im ersten Jahr fuhren wir den Spielplatz nur zum Zeitunglesen an. Das heißt, das Baby schlief nach zehn Sekunden Spaziergang selig im Kinderwagen, und ich marschierte schnurstracks zur nächstbesten Parkbank, ließ mich darauf nieder und packte meine Zeitung sowie meinen Thermobecher mit frisch gebrühtem Kaffee aus. Es war so himmlisch, wie es sich anhört. Die anderen Kinder und Eltern beachtete ich zu dem Zeitpunkt bereits nicht mehr. Ich war nämlich froh, wenn ich mal ein Stündchen meine Ruhe hatte.

Irgendwann wurde das Baby dann ein Kleinkind, und wir fuhren tatsächlich auf den Spielplatz, den wir jetzt „Spieli“ nannten, um dort zu spielen. Meistens lief das so ab: Ich setzte den Kleinen in den Sand, umgab ihn mit seinen Förmchen und Schäufelchen und setzte mich dann, Ihr ahnt es, auf die Bank. Dann packte ich meine Zeitung aus … zu deren Inhalt ich aber weniger und weniger kam. Denn ganz oft wollte das Kind nicht alleine spielen oder es spielte, aber dann kam ein anderes Kind und klaute ihm das Förmchen. Ich musste also aufstehen. Oder er wollte nicht sandeln, sondern rutschen, kam aber nicht alleine die Leiter hoch.

Das hört sich anstrengend an? Da kann ich heute nur drüber lachen. Ich wundere mich über mich selbst: Wann bitteschön, hatte ich denn Zeit, den Kaffee zu kochen, den ich immer dabeihatte? Wo und wann habe ich die Zeitung gekauft? Habe ich die tatsächlich auch mal gelesen?

Heute: Eine halbe Stunde, nachdem wir den Großen aus dem Kindergarten abgeholt haben – die Schuhe sind gerade weggeräumt, die Jacken aufgehängt, alle vier Patschehändchen gewaschen – mosert der Große: „Wann gehen wir endlich auf den Spieli? Der Flori ist heute auch da, und ich will dahihin!!“

Ich schlage eine weitere halbe Stunde raus, aber dann heißt es wieder: alles retour. Schuhe und Jacken anziehen, nochmal ausziehen, weil vergessen Pipi zu machen. Der Kleine muss auch nochmal frisch gewickelt werden, reißt sich dabei dauernd die Mütze vom Kopf. Ich überlege, während ich den Snack für die Kinder zusammenstelle …

Einschub: Der Snack. Wieso brauchen die Kinder denn was zum Essen auf dem Spielplatz? Man ist ja nicht lange dort und gerade gab es ja Mittag. Halten es unsere verwöhnten Wohlstandsgören heutzutage denn nicht mal zwei Stündchen ohne Nahrung aus? Nein, das tun sie nicht. Es ist eine Gesetzmäßigkeit, eine eherne Regel: Sobald wir auf dem Spieli ankommen, greinen beide Kinder vor Hunger. Sie haben erst eine Stunde vorher zu zweit eine ganze Packung Fischstäbchen vernichtet? Na und, das ist eine Stunde her! Und außerdem haben sie dann Hunger auf Apfelschnitze, auf Reiswaffeln, auf Smoothies und auf Knabber-Igel! Merkt Euch bitte eins: Wenn Ihr ohne Snacks auf den Spielplatz geht, dann werden Eure Kinder andere Mütter anschnorren!

Und vielleicht ist ja Eure persönliche Lieblingsmutter dabei, die eine Mutter, die ausschließlich brave Töchter hat, denen niemals ein Haargummi verrutscht, vor sich eine in verschiedene Zonen eingeteilte, riesige Bentobox, gefüllt mit allerlei Exotischem, zum Beispiel Himbeeren, Melonen und Kapstachelbeeren. Und Euer Sohn, der von ihr süffisant ermahnt wird, sich erstmal die dreckigen Fingerchen abzuwischen, bevor er in ihre saubere Bentobox geht, stopft sich vier Kapstachelbeeren auf einmal in den Mund und fragt sie dann laut und selbstverständlich: „Mama, warum haben wir nie so leckeres Obst?“ Das wollt Ihr nicht, glaubt mir.

… ob ich die Kinder wohl nochmal eincremen soll. Heute ist es sonnig und wenn wir erst dort angekommen sind, auf dem Spieli, dann geht’s so richtig los mit dem Spaß. Seit vier Tagen ist die Sache, genau genommen, nicht mehr ganz so spaßig. Der Kleine will nämlich partout nicht mehr im Wagen sitzen bleiben, sondern das tun, was er seit Neuestem ebenso gut kann: Krabbeln. Aufstehen und Umfallen. Treppenstufen raufklettern und runterfallen. Auf Mäuerchen hochklettern und runterfallen. Auf jedwede Art von Absatz draufklettern und …

Er krabbelt auch am liebsten in der Ecke des Spielplatzes herum, wo die Kackawurst von irgendeinem Riesenköter liegt. Oder in der anderen Ecke, vor dem Spielhäuschen, wo die Jugendlichen des Viertels freitagnachts immer ihr Saufgelage abhalten. Und wo am Montag die Scherben von mindestens zwei zerbrochenen Wodkaflaschen liegen, teilweise dezent im Sand verborgen, so dass man sein Kind wirklich keine einzige Sekunde aus den Augen lassen darf.

Ich bin also damit beschäftigt, dem Kleinen hinterherzujoggen, ihn bei Bedarf an beiden Händchen zu halten und laufen zu lassen, ihn unter Protest von diversen Mäuerchen unterschiedlicher Höhe zu pflücken, panisch seinen Mund zu untersuchen, wenn er sich pfeilschnell doch mal Sand hineinschiebt und so weiter. Währenddessen scanne ich alle zehn Sekunden die Umgebung ab, ob ich irgendwo noch den roten Puky-Helm vom Großen leuchten sehe, der mit seiner Gang Fahrrad fährt und Passanten belästigt.

Zwei aufgeschlagene Knie vom Großen und drei Wutanfällen vom Kleinen. Völlig erschöpft versammle ich später meine Mannen, um den Rückzug anzutreten. Ich versuche, den brüllenden Kleinen in den Kinderwagen zu bugsieren, fixiere ihn mit einem Knie und versuche ihn anzuschnallen, während der Große weint und mich fragt, ob er jetzt sterben muss, weil er über die Wunden am Knie so viel Blut verloren hat.

In dem Moment sehe ich aus den Augenwinkeln, wie eine Hochschwangere das Tableau betritt. Sie bleibt kurz stehen, sucht sich das beste, sonnigste Bänkchen für ihr gemütliches Ausruhstündchen aus, geht dann langsamen, gemessenen Schrittes darauf zu und grüßt im Vorübergehen mit konspirativem Lächeln alle anwesenden Mütter sowie den einen Quotenvater. In dem Moment fällt mir das sauschwere Fahrrad des Großen auf meinen besandalten großen Zeh. Mein Sohn heult laut auf. Ich würde es ihm am liebsten gleichtun, presse aber nur die Lippen zusammen und stoße dazwischen hervor: “Lächle, so lange du es noch kannst.“

Susanne

Susanne hat uns diese Gastkolumne geschickt. Sie ist 37 Jahre und lebt mit ihrer Familie in Stuttgart. Sie arbeitet als Medienreferentin und ist nach der Geburt ihres zweiten Sohnes gerade in Elternzeit.